Karola Österreicher

Lebensgeschichte Karola Österreicher (7. 8. 1925 – 4. 11. 2003)


Widmung // 1. Seite der Niederschrift


Karola Österreicher (in Israel: Carmella Zucker) hat ihre Lebensgeschichte mit 13. 3. 1994 datiert. Sie hat ihn Hilda Drill (White) gewidmet, die ihr eine sehr enge Freundin war, obwohl Hilda in Australien und Karola in Israel lebten. Als Hilda sie in den 90ern in Israel besuchte, gab Karola Hilda den Lebenslauf. Hilda hat ihn mir – wohl wissend, dass es sich dabei um ein wichtiges historisches Dokument handelt – geschenkt, als sie im Zuge ihrer Reise auch nach Laa kam.

1991: Das erste Bild, das ich von Karola per Brief erhielt.



Ich habe Karola sehr, sehr gut gekannt. Ihre Art zu schreiben, die sich auch in diesem Text ausdrückt, ist für sie typisch. Sie ist die einzige Laaerin, die den Schrecken von Auschwitz überlebt hat. In sehr kurzen, klaren Worten hat sie das Unsagbare geschildert. Die kurzen Sätze geben dem Ausdruck, was niemand nachvollziehen kann, der nicht dort war. In ihrer Ausdrucksstärke sind sie nicht zu übertreffen und so denke ich, jeder sollte das Folgende gelesen haben.

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Kindheit

Bin am 7. August 1925 in Laa geboren.
Hatte eine fröhliche und freie Kindheit, da meine Eltern immer im Geschäft beschäftigt waren, konnte tun u. lassen, was mir gefiel.
Zu dummen Streichen war ich immer aufgelegt u. hier ein paar Beispiele: 2 Häuser weiter an der Ecke gab es einen Automaten voll mit guter Schokolade – sammelte in der Schule alte Münzen und damit holte mir die Schokolade – bis der Inhaber mich ertappte – bekam erstens Schläge, zweitens mussten meine Eltern alles bezahlen. Meine Leidenschaft war es, auf den Kastanienbäumen zu klettern – von oben warf ich auf die Leute Kastanien oder kleine Holzstücke – mit dem Motto: „Und der Segen kommt von oben“. Wer mich oben entdeckte, bekam noch als Draufgabe die Zunge herausgestreckt.
In der Schule wusste genau, wann die gesammelten Maikäfer herauszulassen, um die langweilige Mathematikstunde zu stören. Auch wusste, wie den Reissnagel auf den Stuhl des Lehrers zu legen, zur Gaudi der Klasse sprang er auf mit einem „Au“. Auch wussten die Lehrer nie, warum beide Ärmel ihrer Mäntel umgekehrt waren, sowie der Hut ganz flach gedrückt.
Es gab auch gute Eigenschaften bei mir – gab immer meine gute Mohnsemmel und Apfel anderen Mitschülerinnen, die keine Jause hatten – verteilte Bleistifte, Farben, Radiergummi, Hefte usw. an alle, die es brauchten.

Karolas Sohn Arie vor Karolas Schule, die heute noch eine Schule ist

Zu meinem Leidwesen brachte mein Vater 1935 meine Cousine aus Ungarn, die sollte mich zähmen und ein gutes Beispiel für mich sein. Sie war 2 Jahre älter als ich, sehr gescheit und bald Vorzugsschülerin. Aber es ist so: Der Gescheite lernt vom Dummen mehr, als der Dumme vom Gescheiten. Wer weiss warum?? Am Ende machte sie die meisten Streiche mit mir mit, sonst schlug ich sie, die Ärmste, meine Fäuste hatten kein Erbarmen und sie hatte vor mir Angst.

Tiere liebte ich über alles – meine Hunde bekamen die besten Bissen – auch pflegte ich verwundete Vögel – habe einem Vogel allein eine Stelze gebastelt, mit der er springen konnte.
Meine Tiere waren immer um und mit mir, hörten meine Klavier Sonaten, Burli, mein schwarzer Dackel, kläffte ab und zu im Takt der Musik.

1938 kam Heinz aus Mistelbach mit seinen Eltern nach Laa wohnen.
Eines Tages klingelte es an der Tür – Burli kläffte – als ich die Tür aufsperrte, fasste Burli ihn am Hosenbein u. ließ ihn nicht los: Mit schwerer Mühe beruhigte ich Burli u. ließ den Gast eintreten. Er erklärte mir, dass er Musikliebhaber wäre u. ob er auch mit meinen Tieren (das waren zur Zeit: Burli, blinde Katze, armer lahmer Vogel, zwei Marienkäfer in einer Schachtel mit Luftlöchern) meine Musik genießen könnte. Natürlich durfte er. So kam er alle Tage – ein junger Mann von etwa 16 Jahren, ich allerdings zählte erst 12 Lenze. Aus den Jugendbüchern ersah ich, was die große Liebe ist, so wartete geduldig, vielleicht wird Heinz sich in mich verlieben u. mich küssen. Es geschah nichts dergleichen. Fragte meine Cousine um Rat, sie lachte u. sagte: Schau dich im Spiegel an – immer zerschundene Knie, zerrissene Kleider vom Bäumekraxeln, lang u. mager wie eine Bohnenstange – auch nicht so sauber, wie soll man sich in so was verlieben? Ich versprach ihr, sie nicht mehr zu schlagen, wenn sie mir hilft, mich für Heinz schön zu machen.
Am anderen Tag wusch ich mich, band meine Knie mit weißen Taschentüchern zu. Meine Cousine richtete mich folgendermaßen her.
In meinen Busen (den ich gar nicht hatte) steckte sie 2 grosse Zwiebeln u. befestigte sie mit einem Tuch, auf meine Nägel klebte sie rotes Papier, das sich beim Klavierspielen ab und zu entfernte, mit Wasserfarbe malte sie meine Wangen rötlich u. meinen Mund knallrot. Sie borgte mir ihr schönstes Kleid, kämmte mein ewig zerrauftes Haar u. band mir eine Masche. In froher Erwartung saß ich beim Klavier u. wartete auf Heinz. Burli bellte u. ich wusste, er kommt. Als ich die Tür aufmachte war Heinz so perplex, er starrte mich an, murmelte ein paar Worte – er hätte den Wohnungsschlüssel vergessen u. verschwand. Ich hatte eine richtige Wut im Bauch – stürzte mich auf meine Cousine, prügelte sie windelweich u. mein geliebter Burli bekam einen Fußtritt, was ich sonst nie tat. Am anderen Tag war ich wieder ich selbst – zerrauft, zerschunden, verdreckt. Wir lachten beide, Heinz u. ich, er fasste meine Hand, was er noch nie tat, u. führte mich zum Klavier. Ich fühlte, wie ich bis zu den Haarspitzen rot wurde u. war beim Klavierspielen ganz unkonzentriert. So ging es noch einige Tage u. ich spürte, wir kamen uns näher.

In Laa war etwas Unerklärliches in der Luft, die Menschen waren aufgeregt u. eines Abends wurde der Himmel blutrot, wir standen vor dem Geschäft u. die alten Leute sagten „das bringt Unheil, Krieg, so ein Himmel war auch vor dem 1. Weltkrieg“. Es war März 1938. Schuschnigg hielt im Radio eine Rede, seine letzten Worte waren: Gott beschütze Österreich. Hitler marschierte mit seinen Scharen in Österreich ein u. alle Leute standen mit erhobenen Armen u. jubelten ihm zu.

Es kamen Tage des Schreckens u. der Qual, Unsicherheit, Demütigung u. Hass. Man durfte nicht mehr in unserem Geschäft einkaufen – wer es doch tat, bekam eine Tafel umgehängt, mit den Worten: „Ich bin von hier das größte Schwein u. kaufe nur beim Juden ein.“ Ein Herr kam zu meinen Eltern u. verlangte den Kassenschlüssel mit den Worten: Er muss unser Geld verwalten u. wir Saujuden brauchen sowieso kein Geld mehr. Die Straßen waren angeschmiert mit verschiedenen Parolen. Alle Juden mussten die Straßen mit Kübel u. Scheuerlappen putzen, ich weinte, als ich das sah, wie meine Eltern erniedrigt wurden, wie die Leute ringsherum standen, johlten u. lachten. Ich weinte auch, weil Heinz nicht mehr kam u. für ewig verschwunden blieb. Eines Tages sagte man mir, ich dürfe nicht mehr in die Schule kommen – das stimmte mich todtraurig, um so mehr, denn plötzlich wollte niemand mehr mit einer Jüdin sprechen, alle Schulkameradinnen beschimpften mich u. warfen Steine nach mir. In der Nacht gab es Fackelzüge mit braun uniformierter Hitlerjugend, die sangen ganz schreckliche Lieder wie folgend:
Es zittern die morschen Knochen, schaut mir den großen Sieg, wir haben die Rotfront durchbrochen, für uns war’s ein großer Sieg, wir werden weitermarschieren, bis uns das Auge bricht, denn heute gehört uns Deutschland u. morgen die ganze Welt! Oder: Die Fahne hoch! Die Reihen dicht geschlossen, S.A. marschiert mit felsenfesten Schritt, Kameraden, die Rotfront u. Reaktion erschossen, marschieren im Geist in unsern Reihen mit.
Es gab auch ein ganz fürchterliches Lied: vom Judenblut, das vom Messer spritzen soll – ich nahm meine Decke über meinen Kopf, umarmte Burli, meinen treuen Hund, u. probierte zu schlafen.

Eines Tages sagte man meinem Vater, wir müssen Laa in 72 Stunden verlassen, da er tschechischer Staatsbürger war. Unser Geschäft wurde geplündert, die ganze Ware ausgeladen u. wegtransportiert. Das Haus u. Geschäft mussten meine Eltern für ganz wenig Geld einem Herrn B. (

Name bekannt)

verkaufen. Das nannte man damals „arisieren“.

Das helle Haus links war Karolas Elternhaus – Familie Griebler im grünen Haus wagte es, den Nachbarn Essen über den Zaun zu werfen, als diese das Haus nicht verlassen konnten, rechts davon ist ein Nebeneingang des Laaer Rathauses

Etwas Möbel sowie Klavier durften wir mit der Bahn in die C.S.R. schicken. 3 Tage packten meine armen Eltern alle Sachen, das Herz tat mir weh, denn sie verschenkten auch so viel. Ich nahm Abschied von Laa u. da kein menschliches Wesen mit einer Jüdin nicht mehr sprechen wollte, ging ich zu den Denkmälern und Statuen. So sagte ich im Park Schubert u. Schiller „Auf Wiedersehen“, zur Roland Säule, Pranger Hansl, Burg u. Rathaus.

Karolas Sohn Arie und seine Frau vor dem Schubert-Denkmal — Schiller Denkmal in den Laaer Parks

Am letzten Tag vor der Abreise sagte mir meine Mutter, Burli u. alle meine anderen Pflegetiere müssen in Laa bleiben. Ich war ganz trostlos – wie konnte ich meine Tiere aussetzen? So nahm ich Burli mit der Leine – Vogel, Katze in einen Korb u. ging schnell zur Waschfrau. Klopfte laut u. hatte Glück, bat sie inständig die Tiere zu pflegen, da wir Laa in einer Stunde verlassen mussten. Sie band Burli mit der Leine am Baum an, nahm den Korb in Empfang u. schickte mich schnell weg, in der Hoffnung, dass kein Mensch sah, dass sie einer Jüdin die Türe öffnete. Burli bellte fürchterlich, meine Tränen rannen ohne Ende, meine Mutter war am Ende ihrer Nerven u. sagte nur immer: „Was habe ich für ein komisches Kind“.

So fuhren wir in die Tschechei nach Bratislava, wo meine Mama Verwandte hatte. Die wohnten in einer schönen Villa im Blaho-Weg, etwas bergauf zu gehen. Meine Cousine fuhr allein nach Ungarn zu ihren Eltern zurück. Bald wurde ich in die tschechische Schule geschickt – es war mir alles fremd, die Sprache, die Menschen, war todunglücklich! Etwa 3 Monate waren wir in Bratislava, bis wir eines Tages Gasmasken bekamen, die Sirenen heulten, wir setzten die Gasmasken auf. Dies ging so einige Tage, bis Hitler auch die C.S.R. überrannte.

Mein Vater schlug vor, nach Samorin (Somorja) zu flüchten, wo sein Elternhaus stand u. darin noch sein Bruder u. Schwester wohnten. Unsere Möbel sind dort sowieso hingeschickt worden.
Über diesen Tausch freute ich mich – das Haus gefiel mir sehr: ein Misthaufen mit Hühnern u. Gockel, ein Pferdestall mit Pferden, ein Wagen, mit dem man die Pferde einspannte. Ein riesiger Birnbaum voll mit Birnen, Gänse u. Enten. Hatte im Haus, als wir kamen, 4 Cousins in meinem Alter ungefähr – so war es nicht langweilig. Onkel u. Tante waren reizend zu mir u. alle verwöhnten mich. Wir nahmen uns ein Zimmer u. Küche, mehr brauchten wir ja nicht.

Diesmal kam ich in die ungarische Schule, die mir sehr gefiel, wir hatten ganz schmucke Schulkappen alle. Meine Eltern halfen Onkel u. Tante beim Handeln mit Eiern, sie fuhren mit Pferd u. Wagen zu den Dörfern, kauften die Ware u. verkauften dann wieder. Es geschah ein Wunder, ich wurde eine super-gute Schülerin, wurde wegen meines guten Benehmens gelobt, meine Mutter war sehr überrascht. Mit 15 Jahren war die Schule zu Ende u. wollte weiterlernen, was meine Eltern nicht erlaubten. Denn sie sagten: „Handwerk hat goldenen Boden“. So habe beschlossen, mich allein weiterzubilden u. las Unmengen von Büchern – bis meine Mutter das fand, was sie für mich suchte, eine Damenschneiderei, wo man ein Lehrmädchen aufnahm. Über diese Wahl war ich nicht glücklich – aber was konnte ich tun – wie dankbar war ich später, meine Mutter hatte recht.

Im Nähsalon war ich die einzige Jüdin, meine Chefin benahm sich gut zu mir u. die andern Mädchen waren auch nett. Es war ein eleganter Salon mit reichen Kunden, die immer auch ein Trinkgeld gaben beim Kleiderliefern. Habe mir schöne Kleider genäht, sogar meine Verwandtschaft kam nicht zu kurz.

Leider wurde es 1943 wieder schlimm. Hitlers Hand reichte bis Ungarn u. noch weiter. In Somorja gab es 300 jüdische Familien, es kamen die Nürnberger Gesetze, wir mussten den gelben Stern tragen, sofort wurden alle jüdische Geschäfte geschlossen, die Synagoge zerstört. Mich hat man vom Kleidersalon herausgeschmissen. Ich war 18 Jahre geworden, man nahm alle Jugend zum Arbeitsdienst. Zuerst beschäftigte man mich in einer Gärtnerei, wo ich 10 Stunden Pflanzen setzten musste, Unkraut jäten – die Arbeit machte mir nichts aus, am Abend war ich zu Hause bei meinen Eltern.

Nach 4 Monaten nahm man uns zu einem ungarischen Adeligen auf ein Gut. Wir durften im Stall mit den Pferden schlafen, am Tag machten wir die schwerste Feldarbeit: Garben finden, dreschen, säen, mal mit, mal ohne Pferde. Die Knechte u. Mägde vom Gutsherrn waren anständig zu uns, das Essen war ausgiebig. Ende 1943 waren wir mit der Feldarbeit fertig u. so durfte wieder zu meinen Eltern zurück, die ganz verzweifelt waren wegen den Pogromen u. Sorge um mich.

Es kam ein neuer Befehl – alle Juden mussten Geld u. Wertsachen abgeben, Lebensmittel einpacken, man schickte uns in ein Ghetto nach Nagymagyar, nicht weit von Somorja.
Zusammengepfercht in 1 Zimmer waren wir 12 Personen lagen am Fussboden auf Strohsäcken. Wir aßen das Wenige, was wir noch hatten. Man sagte uns, wir werden bald auf die Arbeit geschickt. 2 Monate blieben wir im Ghetto. Es kamen immer neue Leute u. es wurde von Tag zu Tag enger im Zimmer – nun waren wir 20 Personen im Zimmer.

Eines Tages gab man uns 1 Brot u. Margarine, wir durften 5 kg Kleider u. Essen mitnehmen, große Lastautos standen vor dem Getto, mit Knüppeln schlug man uns u. trieb uns zur Eile an. Die Lastwagen wurden alle voll mit Menschen u. fuhren ab.
Nach etwa 1 Stunde Fahrt lud man uns aus u. vor uns war eine Bahnstation mit einem Zug, der aus vielen Viehwaggons bestand. Es war 1944, Winter u. kalt. Wieder wurden wir mit Schlägen angetrieben, die Türen der Viehwaggons aufgemacht, man zählte uns u. so wurden wir in den Waggon hereingejagt. Die Türen gingen zu u. wir saßen auf etwas Stroh nebeneinander im Dunkeln. Bald setzte sich der Zug in Bewegung. Langsam gewöhnten sich unsere Augen an die Finsternis u. wir aßen eine Kleinigkeit, unsere menschlichen Bedürfnisse machten wir in leere Konservenbüchsen. Wenn einer schlafen wollte, musste ein anderer aufstehen, 1 Mal am Tag gab man uns etwas Wasser zum Trinken.
So fuhren wir 6 Tage, bis der Zug stehen blieb.

Die Türen wurden aufgerissen, man schrie: „Heraus ihr Saujuden“, die Knüppel auf unsere Köpfe gerichtet – wer fiel, blieb am Fussboden liegen u. wurde totgetrampelt.
Man hieß uns, alle Pakete liegen lassen auf einem bestimmten Platz u. ordnete uns in 5er Reihen. Wir kamen zu einem Tor, wo darauf stand: „Arbeit macht frei“. Am Weg fragten wir jemand, wo wir uns befinden, man sagte, das wäre Auschwitz u. Birkenau. Wir gingen, schwer bewacht von deutschen Soldaten, etwa 10 Minuten bis wir einen großen Platz sahen, in einer Reihe standen S.S. Soldaten mit Hunden an der Leine. Ringsherum Stacheldraht, 2 saßen bei einem Tisch. Auf einem Podest stand allein ein S.S. Mann, bei dem mussten wir vorbeigehen, mit der Hand gab er uns Anweisung nach links oder nach rechts zu gehen. So kamen meine Eltern Onkel u. Tante nach rechts u. ich nach links. Ich wusste nicht, dass ich meine Lieben das letzte Mal sah!

2 Capos schrieen uns zu „auf zum Entlausen“, alles ausziehen, nackt mussten wir vor den S.S. zu den Brausen laufen. Vor den Brausen schnitt man uns die Haare ganz ab u. brannte mit Tusche uns eine Nummer in den Unterarm. Nachdem wir geduscht hatten, bekam jeder ein lichtgraues Kleid u. ein Paar Holzschuhe. So „ausgerüstet“ stellte man uns in 5er Reihen vor eine Baracke u. wir lernten was ein Zählappell war. Stundenlang stehen, gerade, ohne sich zu rühren – wer sich rührte, wurde blutig geschlagen.
Nach dem Zählappell durften wir in die Baracke, toterschöpft lagen wir am Fussboden.

Unsere Arbeit war in Auschwitz folgende: wir standen in der Schlange u. reichten uns riesige Steine, unsere Hände bluteten. Das taten wir 12 Stunden, vor dem Zählappell mit allen Schikanen, nach dem wieder Appell mit Brotausteilung.

Wir sahen von Weitem Rauch u. ein komischer Gestank entstand im Lager. Wir fragten unsere Vorgesetzte (polnische Jüdin), was das bedeutet. Sie sagte, dort verbrennt man tag-täglich Menschen. Wollten u. konnten sowas unmöglich glauben! Der Stacheldraht war elektrisch geladen, das wussten erst, als wir die ersten Toten dort hängen sahen, die sich auf solche Weise umbrachten. Sie schauten fürchterlich aus, aufgedunsen u. blau. Mittags bekamen wir eine Wassersuppe, wer Glück hatte, fand noch ein Stück Gemüse darin. Weiss nicht, wie wir das aushielten, im Schnee u. Regen, 1 Kleid am Leib, Zählappell stehen.

1 Monat waren wir in Auschwitz, dann lud man uns auf Lastautos, man brachte uns nach Plasow, nicht weit von Auschwitz.
In Plasow bauten wir die Fundamente von neuen Holzbaracken, so mussten wir mit riesigen Hacken die Erde aushöhlen, für die Basis. Hinter uns standen Aufpasser (Capos) mit Peitschen, die uns antrieben, wenn jemand müde wurde u. 1 Minute stand bekam man die Peitsche am Rücken, bis das Blut rann. Setzte mir in den Kopf, ich

muss

durchhalten, hatte vor meinen Augen im Geist meine Eltern u. das gab mir die Kraft, weiter zu leiden. Nicht weit von uns war die Küche, ab u. zu fand Kartoffelschalen oder eine Rübe. Verzehrte alles mit Heißhunger wie die besten Leckerbissen.

1 Monat war ich in Plasow, 500 Frauen wählte man zu einer neuen Arbeit aus, ich war zum Glück unter den 500. Wieder Viehwaggon, in denen man Menschen befördert. 5 Tage im Wagen mit einem Stück Brot u. Wurst.

Wir kamen im Mai 1944 in Augsburg, Deutschland, an. Es gab verschiedene Munitionsfabriken, ein Oberscharführer erklärte uns die Arbeit. Wir waren glücklich, ein Dach über unserem Kopf zu haben, es sah alles auf den ersten Blick gut aus. Wir bekamen Räume wo 3-stöckige Pritschen waren u. darauf gut gefüllte Strohsäcke mit einer Decke pro Kopf. Der Zählappell war im Raum, nicht mehr im Freien, eine Frau Oberscharführerin gab uns Ohrfeigen, wenn wir nicht stramm standen.

Ein Deutscher zeigte mir im Werkraum meine Arbeit. Hatte eine Miniatur Waage in der rechten Hand, in der linken auf einem Stück Holz 2 dünne Streifen aus Eisen. Mit der Waage musste die Eisenstreifen abwiegen, ob sie genug Elastizität hatten u. die genaue Waage. Das war eine sehr präzise Arbeit, später erfuhr ich, damit zielte man den Bombenabwurf vom Flugzeug. So betete, nur keinen Fehler zu machen, denn das war gleich Sabotage u. dafür gab es Essenentzug.

Im Laufe der Zeit gab es viel Fliegeralarm, wir gingen dann mit unserer Aufsicht in den Keller, es war besser wie arbeiten, manchmal wackelte die ganze Fabrik u. die Elektrizität setzte aus, es wurde stockdunkel. Die Sirenen heulten auch nachts, was schon weniger angenehm war.

Eines Tages bekam ich die Krätze, man schickte mich in das Lazarett. Dort blieb ich 2 Wochen, es gab dort richtige Betten mit weißen Bettzeug, mit einer weißen Salbe eingeschmiert wurde ich wieder gesund.
Als ich zur Arbeit zurückkam, fand ich zu meiner Überraschung in meinem Werkzeugkasten ein Stück Brot in einem Zeitungspapier eingewickelt. Ein älterer deutscher Mann saß in meiner Nähe, nur er konnte unter Lebensgefahr das getan haben, denn Deutsche durften mit Häftlingen nichts zu tun haben. Das wiederholte sich öfter u. ich war glücklich, denn Brot war Überleben, ein Stück Zeitung Wissen wo die Front war. Ich nickte dem Mann zu, mehr durfte ich nicht.

1945 kam, man nahm uns zum Außendienst, um die bombardierten Häuser, Schutt u. Asche aufzuräumen. Zertrümmerte Fensterscheiben, eingestürzte Bunker – das war der totale Krieg, den Göbbels wollte – Hausrat, Teller u. Töpfe, Kinderspielsachen, alles lag da herum. Verlassene Hunde streunten herum u. suchten nach Essen. Eine Puppe ohne Kopf u. Hand, dachte mir, wie viele Menschen kamen da ums Leben? Es waren Menschen, die leben wollten – jeder hat Recht zu leben u. sogar, wenn er Deutscher war. So sinnierte ich beim Aufräumen u. wusste, das Ende des Krieges ist nicht mehr weit.
Auch hatten die Deutschen unter der Erde im Keller Kartoffeln begraben, man hieß uns, alles ausgraben – für uns ein Vergnügen, wurden satt von rohen Kartoffeln.

Im März versammelte man uns Häftlinge, es gab einen langen Zählappell mit folgendem Vortrag vom Oberscharführer: Der Krieg neigt sich dem Ende zu, wir Deutschen sind die Verlierer – aber ihr Häftlinge werdet auch verlieren u. zwar alle krepieren. Wir erschraken sehr vor diesen Worten – wir wussten, es war ernst gemeint. Wir rechneten, ungefähr war es die Zeit von Pessach u. wir arrangierten eine Schüssel mit 1 Salatblatt, 1 Ei, 1 Kartoffel u. beteten, was wir so auswendig konnten. Es gab viele Tränen von Verzweiflung u. Hoffnungslosigkeit – aber unser Gesang gab uns ein Funken des Vertrauens u. der Hoffnung. Die Deutschen traten, schlugen u. misshandelten uns, aber wir sind die Helden – die unsere Feinde zu Freunden machen können. „Darum höre Israel unser Gott ist einzig u. allein! Amen.“

April 1945, die Front kam näher, Kanonendonner, Artillerie, Tiefflieger, ein Chaos, das sich in unseren Ohren wie himmlische Musik anhörte. Waren das Tanks, es rasselten Ketten, war das Ende vom Anfang?
Es gab ein Geschrei, schnell schnell Häftlinge weg mit euch, man drückte uns ein Stück Brot in die Hand u. schrie: Los, los! Wieder auf Lastwagen. Zu unserem Leidwesen brachte man uns wieder zu Viehwaggons, zusammengedrängt saßen wir u. der Zug setzte sich in Bewegung. 6 Tage dauerte das Ringsherumfahren in Deutschland, jeder Tag brachte neue Schrecken.

1. Tag Wir hatten weder 1 Kübel noch Konservenbüchsen, um unsere Notdurft zu verrichten – so ging alles am Boden des Waggons, die Bauchtyphuskranken waren voll mit Kot. Kein Wasser zum Trinken oder sich Waschen.
2. Tag Man hieß uns, den Dreck herausschmeißen, machte die Tür auf für diesen Zweck
3. Tag Man schrie: Schaut, wie viel Tote im Waggon sind, legt sie neben die Tür. Wir hatten 2 Tote, die Tür ging auf u. wir schmissen sie hinaus.
4. Tag Tiefflugzeuge bombardierten unsere Waggons, man schrie: Zieht Eure Häftlingsuniform aus, das taten wir, die Tür ging auf u. unsere Bewacher legten unsere Kleider auf das Dach des Waggons. Die Flugzeuge kamen zurück, schmissen eine Bombe, der letzte Waggon fing Feuer – bis man die Türe aufmachte verbrannten schon Häftling am lebendigen Leib. Die Panik war groß, unsere Bewacher waren nicht mehr in S.S. Uniform, sondern in zivil. Wir liefen alle aus dem Waggons heraus – aber man schoß auf uns u. trieb uns wieder in den Waggon zurück.
5. Tag Der Zug fuhr wieder weiter, wir waren ohne Brot u. Wasser. 3 Tote im Waggon, ohne jede Hoffnung zu überleben.
6. Tag Der Zug blieb stehen, die Türen wurden aufgemacht, wir saßen ganz verhungert im Waggon u. es rührte sich nichts, keine Befehle, nichts.

Da hörten wir von Weitem Geräusche von herannahenden Fahrzeugen, die sich schnell näherten. Plötzlich, da waren sie, riesige Tanks u. darauf saßen Amerikaner. Wir hebten die Hände, krochen auf allen 4 aus den Waggons heraus – teilweise nackt, oder mit Häftlingskleidern. Die Amis schmissen uns Kaugummi u. Schokolade, aber wir konnten das nicht essen. Es war nicht zu glauben, wir waren frei, der Krieg aus. Ich war, nachdem man mich wog, ein Skelett von 35 kg. Wir kamen in ein Lager, das früher der Hitlerjugend gehörte u. gab uns SS Anzüge zum Anziehen. Unser Essen bestand aus Haferflocken u. Grieß, was anderes konnten wir nicht vertragen. Meine nächste Verwandte war eine Cousine, mit der ich zusammen war (nicht die von Laa) u. mit ihr plante ich, zurück nach Somorja zu fahren. Wir befanden uns in Feldafing u. die Amerikaner bereiteten die Transporte vor, nachdem sie uns registriert hatten.
Auf großen Autos nahm man uns durch Prag nach Bratislava u. Somorja.

Unser Haus war von Christen beschlagnahmt, man hatte mit uns Mitleid u. gab uns 1 Zimmer. Da eine Freundin von mir keine Bleibe hatte, nahmen wir sich auch ins Zimmer. Ich war nur damit beschäftigt, zu fragen, wer meine Eltern, Tante u. Onkel sämtliche Cousins gesehen hat.

Die Zeit verging u. ich wusste, meine Eltern, alle Tanten u. Onkel wurden in Auschwitz vergast. Todunglücklich musste ich mich damit abfinden, so war ich mit 20 Jahren – allein, verlassen, trotz Cousine u. Cousin, der auch noch vom Lager zurückkam. Wir aßen in einer Küche, die man für uns alle aufmachte, meine Cousine u. ich nähten Kleider für Leute, mein Cousin braute Vodka für die Russen. Somorja war wieder Czechoslowakei u. von den Russen besetzt. Wollte sehr nach Laa fahren, aber hatte dazu kein Geld zur Verfügung. 6 Monate waren wir zusammen, meine Cousine heiratete, so blieb mit meiner Freundin u. Cousin allein.

Man machte Propaganda, nach Palästina zu fahren, in Bratislava bildete man Gruppen mit verschiedenen politischen Anschauungen. Meine Freundin ging zu Bne Akiva u. mir entsprach Schomer – Hazair. Auch mein Cousin ging in eine Bewegung, so verließen wir das Haus u. gingen auf Hachshara.

Es war ein wunderbares Leben, ich fand Arbeit in einem Schneidersalon, nach der Arbeit lernten wir Marxismus, Iwrit, Sozialismus. Nebenbei fand ich auch meinen Freund dort, Sani. Er war Tischler u. machte die schönsten Sachen aus Holz. Unser Traum war Palästina u. eines Tages fuhren wir nach Belgien, dort ordnete man uns in ein Lager ein. Das Schiff sollte bald kommen, das uns nach Palästina bringen sollte. Aber es dauerte 6 Monate bis man uns einschiffte.

Unser Schiff hieß Theodor Herzl, war aber sehr bescheiden im Äußern. Wir lagen wie die Heringe im Bauch des Schiffes, so wie die Wellen kamen, mussten wir mit Kübel das Wasser ausschöpfen, mit unserem Gewicht haben wir das Schiff nach links oder rechts ausgeglichen.
6 Tage waren wir auf dem Schiff bis man schrie: Palästina ist bald in Sicht. Die gegen die Engländer kämpfen wollen, sollen Flaschen sammeln u. sich auf das Deck begeben. Sani, mein Freund, u. ich fühlten großen Kampfgeist, so fanden wir Flaschen. Waren etwa 50 Leute auf dem Deck. Wir sahen das Ufer, uns entgegen kam ein englisches Kriegsschiff, das mit Lautsprecher schrie: „Ergebt Euch, oder wir schießen!“
Wir dachten nicht daran uns zu ergeben u. schmissen alle Flaschen auf die Engländer.
Aber die Soldaten fingen an zu schießen – ich bekam eine Kugel durch beide Oberschenkel, blutete u. fiel zu Boden. Leider gab es 2 Tote u. viele Verwundete. Sani geschah nichts. Alle Verwundete nahm man mit Bahren herunter nach Atlit, das Schiff aber kam nach Cypern.

Ich war wieder allein im Lazarett u. konnte nur mit 2 Stöcken gehen. Die Wunden heilten langsam. Auf so einem Spaziergang sah ich den Polizisten Zwi, der auf uns aufpasste, er stand hinter dem Stacheldraht. Wir winkten uns zu u. er fragte, warum ich auf 2 Stöcken hinke u. so erzählte ihm von allem, was mir passiert ist.
Wir freundeten uns an u. langsam vergaß ich Sani, mit dem ich korrespondierte noch. Zwi war sehr lieb zu mir u. hatte für alles Verständnis. Endlich konnte schon frei gehen u. war sehr glücklich.

Wollte mich in Atlit nützlich machen u. arbeitete bei den Babys, fütterte u. wickelte sie. Die Oberschwester sagte, ich sei sehr geschickt dabei u. soll unbedingt diesen Beruf lernen. Nahm mir ihre Worte zu Herzen. Nach 6 Monaten wurde ich von Atlit entlassen, kam nach Petach-Tikwa in ein Beith-Chaluzot. Dort war ich 5 Monate u. arbeitete in einer Spinnerei. Inzwischen schrieb mich bei der Wizo in Tel-Aviv ein, um Säuglingsschwester zu lernen. Der Grundstein meines Berufes wurde so gelegt.

1948 gründete man den Staat Israel, ich tanzte die ganze Nacht Hora vor Freude. Inzwischen bekam ich die Verständigung, ich kann anfangen meinen Kurs. So siedelte ich ins Beith-Chaluzot nach Tel-Aviv.

Zwi besuchte mich, so oft es sein Dienst nur erlaubte. Wir waren 7 Mädchen im Zimmer, jede hatte einen kleinen Schrank, die Moral war groß – keine störte die andere. Das Lernen war ein Vergnügen, hatte eine schwer zu behandelnde Uniform die immer piksauber war.
Nach 1 ½ Jahren machte mein Examen mit Vorzug u. bekam gleich Arbeit.

1949 heiratete ich Zwi u. wir zogen nach Nazareth. Zwi musste als Polizist dort arbeiten u. ich war in Afula tätig im Krankenhaus.
Wir siedelten dann nach Beth Dagon, Simon, unser Sohn, kam noch in Nazareth zur Welt.
Wir wohnten in der Polizeistation 7 Jahre, bis wir in Ramat-Gan die Wohnung kauften.
Arie, unser zweiter Sohn, ist noch in Beth Dagon geboren.

Konnte mich auf vielen Kursen weiterbilden, mein Traum, immer zu lernen, ging in Erfüllung.
1959 bezogen wir die Wohnung in Ramat-Gan u. waren stolz, endlich in den eigenen 4 Wänden zu wohnen. Hier ist auch unsere Tochter Nira geboren.
Ich pendelte zwischen Arbeit u. Haushalt, Kindererziehung hin u. her u. war immer darauf bedacht, keine Seite zu vernachlässigen.
Das war nicht leicht – da meine Arbeit viel Liebe, viel Verantwortung beanspruchte.
Mein höchstes Ziel war, kranke Kinder gesund zu pflegen, nicht wichtig was für Farbe sie hatten u. welche Nationalität.
Alle Menschen auf Erden haben das Recht glücklich u. zufrieden sein.
Darum bitte ich den Herrgott: Er möge mir die Kraft geben zu ändern, was noch möglich ist zu ändern, zu ertragen was man nicht mehr ändern kann. Gib mir die Vernunft zwischen beiden zu unterscheiden!

Leute, die mir nahe waren u. über die ich schrieb:
Meine Cousine Bözsi, die von mir Schläge bekam, lebt in Ashdod, ist Mutter von 3 Kindern u. 9 Enkeln.
Heinz – ist leider verschollen.
Meine Cousine Sari – sie war mit mir im Lager, starb vor 2 Jahren.
Mein Cousin Simon – lebt in Amerika, verheiratet, war Mechaniker.
Meine Freundin Irene – war mit uns in Somorja, ist vor 10 Jahren gestorben, sie war Kindergärtnerin.
Sani – mein gewesener Freund, lebt im Kibbuz Shomer Hacair im Norden des Landes, ist verheiratet u. hat eine große Familie.
Vergast wurden: meine Eltern, 8 Tanten u. Onkel, 10 Cousins u. leider noch so viele, die ich kannte.
Ich hoffe, dass nie mehr so was geschieht – dass wir Juden endlich hier in Israel in Ruhe u. Frieden leben können, auch auf der ganzen Welt.

Ende

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