Hilda Drill (White)

In Memoriam Hilda White, geborene Drill


Hilda Drill (rechts) und ihre Schwester Herta, an Hertas 88. Geburtstag

Hilda White ist nun schon vor einigen Jahren von uns gegangen und mit den Jahren steigt die Gefahr, dass die Erinnerung verblasst. In den frühen 90ern trat sie zwei Mal die weite Reise von Australien nach Europa an, um ihre Familie in Wien, Jugendfreunde in Israel und mich in Laa zu treffen.

Obwohl Hilda Drill geographisch sehr weit entfernt von ihrer Geburtsstadt lebte, blieb sie mit ihrer Familie in Wien immer in engem Kontakt. Auch die ehemaligen Laaer schienen Teil ihrer Familie geworden zu sein. So verband sie eine enge Freundschaft mit Karola Zucker in Israel. Als Karolas Kinder, die heute alle über 50 sind, noch wirkliche Kinder waren, ging die Verbundenheit so weit, dass Hilda die Kleidung, aus der ihre Kinder herausgewachsen waren, ins damals noch sehr arme Israel schickte. Karola war ihr immer für diese Care-Pakete sehr dankbar.

Wenn ich an Hilda Drill denke, fällt mir unweigerlich Ernst Neumann ein. Ob der jüngere Ernst in Laa nur für Hilda geschwärmt hat oder ob sie gar seine Jugendliebe war, das sei das Geheimnis der beiden. Ernst hatte Hilda nach dem Krieg zu finden versucht, er war damals Militärattaché in Shanghai. Doch die Anstrengungen blieben erfolglos. Erst in den 90ern konnte ich den Kontakt herstellen. Hilda kam sogar nach Israel zu Besuch, um den wieder gefundenen Freund zu besuchen. Ich schmunzle noch innerlich, wenn ich mich an Karolas Bericht erinnere. Ernst war sehr aufgeregt, als sie ihn am Flughafen traf. Und dann kam der Moment, in dem Hilda aus dem Zollbereich schritt – Ernst blieb sozusagen der Mund offen stehen. Karolas Kommentar: Er konnte wohl kaum glauben, dass keine Zwanzigjährige vor ihm stand. Sie müssen jedoch an die alte Freundschaft anknüpfen haben können, denn sonst hätte Hilda den weiten Weg nicht ein zweites Mal auf sich genommen.


Mit Hilda in einem Restaurant an der Donau – 3. Juni 1995

Eine sehr feine, elegante alte Dame, so habe ich sie in Erinnerung. Ihrer neuen Heimat Adelaide (Australien) war sie sehr dankbar, denn dorthin konnte sie nicht nur sich, sondern auch ihre Schwester Herta und ihre Eltern retten. Auch wenn ihre Eltern große Schwierigkeiten hatten, sich in der englischsprachigen Umgebung zurechtzufinden, auf der anderen Seite der Welt ein neues Leben zu beginnen und ihr Vater schon bald starb, war sie spätestens seit ihrer Heirat sozial sehr gut integriert. Ihr Mann war Gründungsmitglied der liberalen jüdischen Gemeinde von Adelaide gewesen und auch sie hat sicherlich mit ihm wichtige Aufbauarbeit geleistet.

Hilda war eine sehr gute Schülerin, und sie ging zu einer Zeit ins Laaer Gymnasium, als dieses noch nicht sehr alt und es nicht selbstverständlich für Mädchen war, eine solche Bildung zu bekommen. Als ich sie traf, konnte sie immer noch lateinische Texte, wie das vom Goldenen Zeitalter, auswendig.




Hilda Drill hatte eine sehr spezielle Verbindung zu ihrer Geburtsstadt. Sie hat hier ihre Ausbildung im Gymnasium beenden können und war bereits eine junge Erwachsene, als sie Laa verlassen musste. Ihre Beziehung zu Laa war sicherlich auch von den Erfahrungen, die sie damals gemacht hatte, geprägt. Obwohl sie gerne zu uns nach Laa zu Besuch kam, blieb sie nie über Nacht. Sie sagte selbst, dass sie sich nicht den Träumen aussetzen wolle, von denen sie erwartete, dass sie sie heimsuchen könnten. Es seien zwei Streiflichter erwähnt, die sie erzählt hat, und die wohl Teile eines Puzzles sind und ihr Verhalten besser verständlich machen.

Als Hilda Drill in Laa ins Gymnasium ging, war es Juden nicht erlaubt, am Tennisplatz in der Nähe des Gymnasiums Tennis zu spielen, obwohl er 1908 von Herrn Wertheim, einem Laaer Juden, mitbegründet worden war. Diese Tatsache ist jüngeren Kindern damals vielleicht nicht bewusst gewesen, doch Hilda Drill war bereits in einem Alter, in dem die Eltern keinen schützenden Puffer mehr aufbauen können, da die Kinder eigene Wege gehen. Im letzten Schuljahr (1935) war sie bei Schulkollegen in Frättingsdorf bei Staatz, unweit von Laa, zu einer Party eingeladen. Als sie im Teich schwimmen gingen, wollten ein paar Mitschüler sie ertränken, nachdem sie sie antisemitisch beschimpft hatten. Nur durch das beherzte Eingreifen einer Mitschülerin wurde sie gerettet.

Dass die Kontakte mit Laaern nach dem Krieg diese und wohl noch schwerwiegendere Wunden eher aufrissen als heilen konnten, unterstreicht eine Begebenheit von einem Besuch Hilda Whites in der alten Heimat, die ich bereits in meinem Artikel für das Magazin „David“ beschrieben habe und die ich hier auch wiedergeben möchte:

Die erste Frau, die ich um ein Interview bat, lehnte dies ab und sagte, daß sie nichts erzählen wolle, da sie keinen der Laaer Juden gekannt hätte und mir deshalb nichts zu sagen hätte. Frau W. schrieb über sie: „Meine beste Freundin während meiner ganzen Schulzeit war Marie. Ihr Bruder hieß Ada. Die verloren ihren Vater ziemlich jung und meine Eltern, die nie reich waren, halfen der Witwe mit Lebensmitteln von unserem Geschäft (Mehl, Reis, Bohnen etc.). Ada kam oft zu uns, er spielte Violine und ich Klavier. Auf einmal blieb er weg, circa 1935 und ich fragte Marie – warum ?? – bekam keine Antwort. Blöd wie ich war, erkannte ich nicht, daß er ein Nazi-Anhänger geworden war. … Im März 1938 kam dann der Anschluß … Meine geliebte Freundin Marie hat mich nicht mehr gekannt. Ich verstand, daß es für sie gefährlich war, aber ich wartete vergeblich auf einen Brief von ihr oder irgendein Lebenszeichen, einen Ausdruck von Kummer oder Sorge um mich. Als ich in 1980 in Österreich auf Besuch war und Marie das erfuhr, sandte sie ihre Tochter zu meinem Hotel in Wien und bat mich so, sie zu treffen. Ich habe zugestimmt, aber als ich sie wirklich im Restaurant mit ihren 2 Kindern sah und sie mir als eines der ersten Dinge sagte „Jetzt haben wir endlich so gutes Essen wie ihr“, konnte ich über unsere tragische Vergangenheit nicht hinwegkommen. Es war ein ganz kurzes Wiedersehen, das ich bis heute nicht vergessen kann.“


Das Geschäft von Hildas Eltern, als Hilda noch sehr jung war

In dem Haus befand sich später das Geschäft von Hildas Eltern; die Familie wohnte über dem Laden — das 2. Bild zeigt die zentrale Lage des Hauses am Hauptplatz (Aufnahme August 2016)

Besonders wenn ich an Hilda White denke, bin ich froh, dass sie nach Laa zurückkehren konnte und in meiner Familie eine neue Generation von Laaern kennenlernen konnte – auch wenn die Schatten der Vergangenheit dadurch nicht ganz ausgelöscht werden konnten.

Abschied am Flughafen -1994