Briefe

Briefe von Dr. Felix Yokel

Übersetzung dieses Briefes aus dem Englischen:

Bethesda, 9. Oktober 1993

Liebes Fräulein Müllner,

Ich bekam Ihren Brief vom 30. September und ich bin von ihrem ehrlichen Versuch, die Wahrheit herauszufinden, berührt. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen viel helfen kann, aber ich werde Sie auf jede mir mögliche Weise unterstützen.

Zur Zeit des Anschlusses ging ich in die 6. Klasse des Bundesrealgymnasiums in Laa an der Thaya. Ich sehe, dass Sie jetzt die 8. Klasse der gleichen Schule besuchen. Vor 2 Jahren besuchte ich die Schule, die sich gar nicht verändert hat (nur, dass es jetzt auch ein Gymnasium und nicht nur ein Realgymnasium ist). Die Schule war an diesem Tag aber geschlossen und so steckte ich meine Visitenkarte an die Tür und hoffte, dass jemand mich kontaktieren würde, es ist aber nichts dergleichen geschehen. Ich verließ die Schule am Ende des Schuljahrs 1938 und übersiedelte in die Tschechoslowakei in der Hoffnung, dort das Gymnasium zu beenden. Die Ereignisse überschlugen sich und ich konnte im April 1939 nach Israel auswandern, nachdem die deutsche Armee die Tschechoslowakei eingenommen hatte. In Israel war ich Mitglied in einem Kibbutz und diente für viele Jahre im Militär (bis nach dem Unabhängigkeitskrieg). Im Jahr 1956 wanderte ich mit meiner Familie in die USA aus, wo ich meine Studien aufnehmen und beenden konnte. Wir haben drei Kinder und sieben Enkel. Die meisten österreichischen Juden, darunter auch meine Eltern, hatten nicht so viel Glück.

In Laa lebten wir in der Bahnhofstraße (ich glaube, so heißt sie), nahe dem Kellerhügel. Wir wohnten auf dem Gelände der Fabrik von Josef Hauser, welche uns gehörte und welche mein Vater betrieb (Josef Hauser war mein Großvater). Das Fabrikgebäude steht heute noch (bis auf den Rauchfang) aber es gehört nicht mir. Vor dem Krieg beschäftigten wir viele Leute in Laa. Meine Eltern blieben bis zum Herbst 1938 in Laa und gingen dann in die Tschechoslowakei. Letztendlich wurden sie nach Theresienstadt deportiert und 1945 in Auschwitz ermordet.

Ich kann mich an mehrere jüdische Familien erinnern, die in Laa lebten und es gab vielleicht einige mehr, die ich nicht kannte. Gegenüber von uns lebte eine Familie namens Adler. Ihnen gehörte ein Holzplatz. Sie hatten zwei Söhne, die älter als ich waren. Direkt nach dem Anschluss wurde Herr Adler verhaftet und ich weiß nicht, was mit ihnen geschehen ist. Auf der gleichen Straße in Richtung Stadtmitte (nach dem Bahnübergang) in einer mehrstöckigen Villa mit Garten lebte ein jüdisches Paar namens Eisinger. Dr. Eisinger arbeitete für meinen Vater als Buchhalter und Rechtsanwalt. Die Eisingers konnten in die USA auswandern.
Es gab noch andere jüdische Familien, die ich kannte: Dr. Toch, ein Anwalt, lebte mit seiner ungarischen Frau nahe des Rathausplatzes. Herr Riftshes besaß und leitete eine metallverarbeitende Fabrik (sie machten Töpfe etc.). Als ich vor 2 Jahren Laa besuchte, konnte ich noch den merkwürdig geformten Rauchfang der Fabrik wiedererkennen. Herr Riftshes war verheiratet und ich glaube, sie hatten Kinder. Es gab noch eine andere jüdische Schülerin im Realgymnasium namens Didi Bloch. Ich glaube, sie entkam nach Südamerika und soll einen Zucker geheiratet haben. Sie war ein Jahr weiter als ich in der Schule. Ihren Eltern gehörte irgendein Geschäft. Es gab auch einen jüdischen Professor, Dr. Bleier. Er unterrichtete Latein. Ich vermute, dass er in Laa gelebt haben muss. Nach dem österreichischen Gesetz musste ich Religionsunterricht besuchen. Ich kann mich an 2 Personen erinnern, die mich unterrichtet haben: Rabbi Fischhof und Rabbi Gelbart (ich bin nicht ganz sicher, wie man den Namen genau schreibt). Sie lebten vielleicht in Laa.

Ich kann mich nicht an eine Synagoge in Laa erinnern. Wenn wir am Gottesdienst teilnahmen, dann in der Synagoge von Miroslav, Tschechien, wo es eine viel größere jüdische Gemeinde gab. Mein Großvater, Josef Hauser, lebte dort und wir besuchten ihn an den Wochenenden.

In Ihrem Brief deuten Sie an, dass Sie mich gerne interviewen wollen. Ich werde gerne Ihre Fragen beantworten. Ich habe auch noch ein paar Fotos und vielleicht einige Dokumente, aber ich muss sie erst suchen. Ich würde übrigens gerne auf Deutsch schreiben, wenn das für Sie einfacher ist, auch wenn Ihr Englisch recht gut ist. Nächstes Jahr sind wir vielleicht in Österreich und wir könnten uns dann vielleicht treffen. Sie sind auch eingeladen, uns hier zu besuchen.

Ich wünsche Ihnen viel Glück und freue mich, dass Sie geschrieben haben.

Felix Yokel

Bethesda, 8. XI., 1993

Liebe Magdalena!

Vielen Dank für Deinen Brief und die Zeitschriften, die wir sehr interessant finden. Ich entnehme Deinem Brief, dass ich die Edith Bloch (Fischbach) mit der Didi Zucker verwechselt habe. Daran ist meine israelische Cousine, Trude Dembinski, schuld. Sie schrieb mir vor einigen Jahren, dass die Didi Zucker aus Laa mich aufsuchen würde. Ich dachte damals, dass das wahrscheinlich die Edith Bloch ist, und da sie nicht kam, wurde das nicht aufgeklärt. An die Österreicher kann ich mich leider nicht erinnern.

Beiliegend ist ein Stammbaum, der die Hauser und Jokel Familien enthält. Für die Hauser hatte ich einige Dokumentation. Der Jokel Stammbaum ist aus dem Gedächtnis der überlebenden Jokels und könnte fehlerhaft sein. Wie du sehen kannst, scheint da nach ungefähr 1750 keine Verbindung zwischen dem Hauser Stammbaum, den Du geschickt hast, und unseren Hausers zu sein. Die einzige Person, die in beiden Stammbäumen erscheint (angeheiratet), ist Paul Eisinger. Das wundert mich nicht, da Hauser ein sehr häufiger Name ist (auch in den USA). Übrigens sind nicht alle Hauser jüdisch. Beiliegend ist eine Abhandlung über Misslitz von dem Dokumentationszentrum des Klutznik Instituts in Washington.

Jetzt zu Deinen Fragen: Frage 1) Meine Mutter wurde in Wien geboren. Sie hatte 7 lebende Geschwister: Dr. Max Hauser war ein Chemiker und leitete die Fabrik Josef Hauser in Misslitz; Irma Spitzer lebte in Brünn; Hugo Hauser arbeitete in der Misslitzer Fabrik; Dr. Eugen Hauser war Rechtsanwalt und lebte in Brünn, Dr. Hans Hauser war Philologe und unterrichtete Klassische Sprachen (Griechisch, Latein) in einem Wiener Gymnasium. Er wanderte nach England und dann nach Amerika aus; Jella Löw war eine Landwirtin und lebte in Neutitschein. Ihre Kinder wanderten aus, Paul nach Australien und Hanna nach Südamerika. Alle Brüder meiner Mutter dienten im ersten Weltkrieg in der österreichischen Armee. Onkel Hans war der erste Wiener Mittelschullehrer, der sich freiwillig meldete. Er wurde in Verdun schwer verletzt. Meine Mutter war beruflich eine Nurse (Krankenschwester) und diente auch in Verdun. Meine Mutter und alle ihre in 1939 überlebenden Geschwister, außer Hans Hauser, der wie schon erwähnt auswanderte, wurden im Holocaust ermordet. Der Name meiner Großmutter mütterlicherseits war Grossmann. Ich weiß nicht, ob ihre Familie aus Südmähren oder Österreich stammt. Mein Urgroßvater, Moses Hauser, war ein Spediteur und lebte in Misslitz. Wenn man so weit in die Vergangenheit zurückgreift, muss man anerkennen, dass sowohl Österreich als auch die Tschechoslowakei in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie lagen, die ein weit offenes Gebiet war, wie jetzt die USA. Im Plebiszit, nachdem die Tschechoslowakei unabhängig wurde, gaben sich Josef Hauser und seine Kinder als Deutsche aus. Ich nehme deshalb an, dass die Hauser Familie im Deutschen Sprachgebiet lebte.

Frage 2): Ing. Karl Jokel war mein Vater. Er ist in Misslitz aufgewachsen. Ich weiß nicht, in welchem Gymnasium er studierte (entweder in Brünn oder in Wien). Seine Familie war nicht wohlhabend und er musste sich in seinen Studien selbst unterstützen. Das war damals schwerer als jetzt. Er studierte an der Technischen Universität (Polytechnikum) in Wien und unterstützte sich damit, dass er anderen Studenten mit der höheren Mathematik nachhalf. Nach seinem Studium arbeitete er als Diplomingenieur am Bau des Wiener Bretteldorfes. Als der erste Weltkrieg ausbrach meldete er sich als Einjährig-Freiwilliger und wurde dann als Offizier an die Russische Front versetzt, wo er in der Brussilow Offensive verwundet wurde und in Russische Gefangenschaft geriet. Er entfloh in der Revolution, wurde wieder an die Italienische Front geschickt und ein zweites Mal verletzt. Nach dem Kriege heiratete er meine Mutter und gründete die Firma Josef Hauser in Laa, wo er seither lebte. Seine Eltern hießen Donald Jokel und Betti Frost. Donald Jokel’s Familie stammte aus Holleschau. Ich weiß nichts über die Frost Familie. Donald Jokel hatte eine Bäckerei in Misslitz. Mein Vater hatte 8 Geschwister. Amalie (Malci) Jokel war geschieden und arbeitete in der Bäckerei, Paula Friedl lebte mit ihrem Gatten, der ein Kürschner war, in Kanitz; Kati und ihr Gatte, Alfred Eisner, hatten eine Eisenwarenhandlung in Misslitz; Arthur leitete die Misslitzer Bäckerei; Wally lebte in Brünn mit ihrem Gatten, Dr. Alfred Keller, einem Arzt; Gisel lebte mit ihrem Gatten, Dr. Giuseppe Kohn, der Oberarzt in einem vom Vatikan geleiteten Sanatorium war, in Meran. Gegen Ende des Krieges wurde er vom Vatikan in die Schweiz versetzt und sie überlebten deshalb. Ich habe keine Informationen über Ida und Elsa. Meine Vater, und alle seine mir bekannten Geschwister, ausser Gisel, wurden im Holocaust ermordet.

Frage 2) und 3): Von dem beiliegenden Stammbaum kannst Du entnehmen, dass die Mehrzahl der Hauser und Jokel Familien den Krieg nicht überlebten. Die folgenden Personen überlebten den Krieg: Von der Hauser Familie: Ing. Karl Hauser, Max Hauser’s Sohn überlebte in Auschwitz. Er hat einen Sohn und 2 Enkelkinder. Sie leben in der Tschechischen Republik. Dr. Hans Hauser wanderte aus nach Amerika, hatte einen Sohn, Georg, aber keine Enkelkinder. Paul Löw wanderte nach Australien aus, hatte 4 Kinder und 8 Enkelkinder. Hanna Löw hatte ein Kind und 4 Enkelkinder. Von der Jokel Familie: Trude Friedel lebt in Israel, hat 3 Kinder und 1 Enkelkind. Gisela Jokels Tochter, Ani, lebt in Israel, hat 3 Kinder und 5 Enkelkinder. Wir haben 3 Kinder und 7 Enkelkinder.

Frage 3): Ich glaube die Frage wird teilweise durch die anderen Informationen beantwortet. Meine Eltern lebten bescheiden, obwohl sie wohlhabend waren. Sie waren beide sehr gebildet, in der Deutschen und Jüdischen Kultur. Ihre Verbindung mit dem Judentum war durch die Kultur und nicht so sehr durch die Religion. Sie arbeiteten fleissig und erwarteten dasselbe von mir. Politisch waren sie „liberal“ (für freien Handel) und Zionisten.

Frage 4): Meine Eltern waren nicht sehr religiös, obwohl sie an den hohen Feiertagen in Misslitz am Gottesdienst teilnahmen. Josef Hauser war einer der ersten Freimaurer in seinem Gebiet und war persönlich nicht religiös. Trotzdem war er über eine Zeitspanne von 20 Jahren der politische Bürgermeister der Misslitzer jüdischen Gemeinde. Er spendete auch Geld, zum Beispiel die Orgel für den Misslitzer Tempel. Die Jokel Familie, mit Ausnahme meines Vaters, war religiös. Also, ich wurde nicht sehr religiös erzogen.

Frage 5): Mein Religionsunterricht im Bundesrealgymnasium begann in der ersten Klasse. Er war vom österreichischen Staat gesetzlich erfordert und wurde wahrscheinlich vom Gymnasium bezahlt. Ich war der einzige Jude in meiner Klasse und es war deshalb ein Einzelunterricht.

Frage 6): Die Speisegesetze wurden in meiner Familie nicht eingehalten. Ich glaube, dass die Hauser Familie seit Josef Hauser die Speisegesetze nicht einhielt, aber dass die Jokel Familie sie einhielt. Es ist nennenswert, dass viele „emanzipierte“ Juden die Speisegesetze nicht einhielten. Das bedeutete aber nicht eine Entfremdung vom Judentum im kulturellen Sinne.

Frage 7): Ich kann diese Frage nicht beantworten, da ich die Laa’er Geschichte nicht studierte. Es würde mich aber nicht wundern, dass Laa in der Vergangenheit eine Hochburg des Antisemitismus gewesen wäre.

Frage 8): Diese Frage ist schwer zu beantworten, da in meiner Jugend viele Österreicher Nationalsozialisten waren. Einige von denen wären vielleicht ohne ihre Nazi Verbindung keine Antisemiten gewesen. Aus meiner eigenen Erfahrung schätze ich, dass ungefähr 25% bösartig antisemitisch waren, 25% nicht antisemitisch waren und die übrigen 50% nicht bösartige Antisemiten waren, aber auch nicht viel Sympathie für die Juden hatten.

Frage 9): Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich diese Frage nicht beantworten. Ich war der einzige Jude in der Klasse und hatte einige gute Freunde und einige Feinde. Aber es waren nicht normale Zeiten, und die Atmosphäre war schon durch die Nazis vergiftet.

Was Ilona Toch betrifft: Die USA sind ein sehr freies Land. Meldepflicht gibt es nur für Ausländer. Im Allgemeinen, wenn Leute übersiedeln, lassen sie ihre neue Adresse beim Postamt und Post wird einige Zeit nachgeschickt. Das war offenbar bei Ilona Toch nicht mehr der Fall. Falls die Tochs noch in New York leben, könnte ich versuchen eine Telefonnummer zu bekommen. Ich würde das gerne versuchen, aber ich brauche die Namen der Söhne Ilonas dazu. Dann fragt es sich auch wie viele Tochs es in N.Y. gibt. Die einzigen anderen Informationsquellen sind Steuerämter und „voter registration“, die wahrscheinlich unter Datenschutz sind.

Vielleicht könntest Du mir die Adressen der verschiedenen Laaer Juden schicken. Im Winter 94/95 werden wir wahrscheinlich Australien / New Zealand besuchen und ich könnte dann vielleicht mit George Adler sprechen. Außerdem möchte ich auch gerne herausfinden was mit meinen ehemaligen Mitschülern vom Bundesrealgymnasium geschehen ist. Es war dort auch ein Müllner in der Klasse. Mit Wolfgang Seehorz und Fritz Schölm war ich sehr befreundet und ich möchte gerne herausfinden ob sie noch leben und was sie jetzt tun. Also – genug für dieses Mal.

Mit herzlichen Grüßen

Felix Yokel

Bethesda, 19. II. 1994

Liebe Magdalena!

Vielen Dank für Deinen 1. Brief vom 14. Dezember, für die Kopien des Klassenbuchs und die Einladung zum Maturaball. Wir waren über Weihnachten und Neujahr in Florida, und dann in Belize (Zentralamerika) und kamen erst Mitte Jänner zurück. Ich hoffe, der Ball ist gut abgelaufen und wir gratulieren Dir herzlichst. Ich sehe, es ist ein „Löffler“ in Deiner Klasse. Ich kannte eine jüdische Löffler Familie in der Laaer Umgebung mit denen mein Vater geschäftliche Verbindungen hatte. Ihre Tochter war in meinem Alter. Das Klassenbuch bringt Erinnerungen an meine Laa’er Studienzeit zurück. Es kränkt mich sehr, dass meine ehemaligen Freunde, Schölm und Seehorz, im Krieg gefallen sind. Gibt es vielleicht irgend ein Dokument von dem man entnehmen kann, wer von meinen Mitschülern im Krieg gefallen ist? Ich nehme an, dass es noch eine Parallelklasse gab, da einige Namen an die ich mich erinnere nicht in diesem Klassenbuch erscheinen (z.B. Müller und Müllner).

Der Artikel aus Melbourne ist sehr interessant und gut geschrieben. Dein Name hätte wahrscheinlich erwähnt werden sollen. Es ärgert mich, dass Dein Geschichtsprofessor deine Abhandlung über die Laaer Juden nicht annehmen wollte. Ich möchte das gerne der Schule vorwerfen, aber nicht bevor du deine Matura absolviert hast. Ich hatte einen Brief von Karola Zucker. Sie versucht die Laaer Juden im April in Israel zusammenzubringen, und wird mich wahrscheinlich anrufen. Nachdem ich die Namen der Toch Söhne habe, werde ich versuchen, sie in der New York City Umgebung zu finden.

Jetzt zu deinen Fragen:
1. Heirat meiner Eltern: Ich weiss, dass meine Eltern sofort nach der Entlassung meines Vaters aus der Österreichisch – Ungarischen Armee nach dem Ende des ersten Weltkrieges geheiratet haben. Ich habe aber sonst keine Informationen (ich wusste es wahrscheinlich, aber ich kann mich nicht erinnern)
2. Bar Mizva: Als Teenager war ich nicht religiös (weniger als meine Eltern) und meine Bar-Mizva hatte keine besondere Bedeutung für mich.
3. Jiddisch: Jiddisch ist eine Sprache die ihre eigene Kultur und Literatur hat. Ich nehme an, dass Du in Deiner Frage Ostjiddisch meinst. Ostjiddisch wurde in Osteuropa (Polen, Baltikum, Russland) gesprochen. In Österreich wurde es hauptsächlich von Osteuropäischen Immigranten gesprochen, die nach den großen Pogromen nach Mitteleuropa auswanderten. Ich weiss dass sich viele assimilierte Juden durch die Osteuropäischen Einwanderer bedroht fühlten, da sie Angst vor dem Antisemitismus hatten. Meine Eltern lasen jiddische Autoren in deutscher oder englischer Übersetzung und soviel ich weiß hatten sie großen Respekt für die jiddische Kultur. Ich lernte erst in Israel die Jiddische Sprache und ihre Kultur kennen. Unsere Familie sprach Deutsch, aber einige jüdische Ausdrücke wurden manchmal verwendet (besonders bei der Misslitzer Jokel Familie). Z.B. betamt/unbetamt (geschickt / ungeschickt), Untam (ein ungeschickter Mensch) vom hebräischen Taam (Geschmack). Petites (Kleinschwindel), Ganev (Dieb) (vom hebräischen Ganav), Goi (ein Nichtjude) (vom hebräischen Gojim (Völker)), Schikse (eine Nichtjüdin), plaite (bankrott) (vom hebräischen Pleita (Überbleibsel)), nebbich (ein Mitleidsausdruck) (nie bei Euch?)
4. Rifczes: Ich erwähnte Herrn Rifczes in meinem ersten Brief. Soweit ich mich erinnere, war Rifczes ein schwarzhaariger korpulenter Herr, der sehr enthusiastisch über Restaurants und Gourmet-Speisen sprach. Mein Vater sagte, dass er aus Rumänien stamme. Er hatte eine hübsche blonde Frau, die jünger als er zu sein schien, und ich glaube sie hatten zwei Kinder. Ich glaube sie stellten hauptsächlich Töpfe her.
5. Rolle des Pfarrers. Ich kannte den Laaer katholischen Pfarrer nicht und weiß nichts über ihn. Ich kannte einen protestantischen Geistlichen, der im Gymnasium Religion unterrichtete. Manchmal, wenn Herr Fischhof nicht kam, beteiligte ich mich an seinem Unterricht mit zwei protestantischen Studenten. Er war ein sehr netter Mensch und spielte uns am Klavier die Zauberflöte vor. Nach meiner Information war die österreichische katholische Hierarchie (Kardinal Innitzer) nicht judenfreundlich.
6. Sentimente bezüglich Laa: Diese Frage ist schwer zu beantworten. Nach dem Krieg war ich ein Mitglied des Kibutzes Kfar Blum und ein Offizier in unserem militärischen Underground (Palmach) und später in der Israelischen Armee. Ich fühlte mich verraten und betrogen von meinen ehemaligen Mitbürgern und wollte nichts mit Österreich zu tun haben. Ich versuchte nicht einmal die Fabrik zurückzubekommen (einige Jahre später hatte ich ein Gerichtsverfahren gegen den „Arisator“ (ein Euphemismus für Diebe)). Jetzt bin ich viel älter, meine Gefühle sind mehr ambivalent und ich habe noch nicht versucht sie auszusortieren. Ich habe Erinnerungen an gute Zeiten und Freunde und ich bin dankbar für meine gute Erziehung, aber ich würde keinesfalls zurückkehren. Ich glaube auch nicht, dass sich die meisten Österreicher für vergangene Verbrechen verantwortlich fühlen. Vor zwei Jahren besuchten wir das ehemalige Haus der Familie meiner Frau in Baden. Wir versuchten mit den Nachbarn zu sprechen, aber sie schlugen uns die Türe vor der Nase zu. Sie hatten wahrscheinlich Angst wir könnten gestohlene Möbel zurückfordern. Was bewog mich in die USA zu gehen: Wenn ich in 1950 von der Israelischen Armee entlassen wurde wollte ich endlich meine eigene Karriere beginnen. Ich versuchte im Technion aufgenommen zu werden, aber man sagte mir, dass ich alt sei (28 ist alt?) und dass sich viele Maturanten für Aufnahme bewerben und nur wenige Plätze zur Verfügung stehen. Ich beschloss daher in den USA zu studieren, wo es möglich war zur gleichen Zeit die Familie zu unterstützen. In 1956 wurde ich in einer amerikanischen Universität aufgenommen. Später schlug die Universität mir vor auch ein Doktorat zu versuchen. Wenn ich endlich in 1963 fertig war, war ich 41 Jahre alt und es war viel einfacher meine Karriere in den USA zu beginnen, als in Israel wieder anzufangen. Außerdem hatte meine Frau eine Schwester und einen Bruder in den USA. Ihre Eltern überlebten den Krieg in Wien und kamen in 1946 nach Amerika. (Ihre Mutter war katholisch von Geburt und daher „Arierin“ und konnte deshalb ihren Vater beschützen.)

[….]

Wir glauben, dass deine Forschungen in Bezug der Laa’er Juden sehr wichtig sind und wir hoffen, dass du die Informationen veröffentlichen wirst.

Herzliche Grüße an Dich und Deine Familie!

Felix Yokel