Das Ende der jüdischen Gemeinde Poysdorf



Da Kurt Fräser der einzige Poysdorf auf dieser Webseite ist, möchte ich hier auch einige Quellen zum Ende der jüdischen Gemeinde von Poysdorf zitieren. Nach dem Krieg kam - soweit mir bekannt ist - keiner der jüdischen Poysdorfer in seine alte Heimat zurück. 23 jüdische Poysdorfer sind nach meinem Kenntnisstand im Holocaust ermordet worden. Genaue Informationen finden sich auf der
Liste der Holocaust-Opfer. Darunter auch 5 Mitglieder der Familie Eisinger, der Familie von Kurt Fräsers Mutter.

Die folgenden 4 Quellen stammen aus der Nazizeit, aus der Zeitung "Laaer Nachrichten" und zeugen davon, mit welchem Hass man dort gegen Juden schrieb und wie die Menschen gegen die jüdischen Bürger aufgehetzt wurden:

Laaer Nachrichten, 24. 6. 1938
Poysdorf. Sie wandern aus.
Das jüdische Kaufhaus Glaser ist gesperrt und die frühere Besitzerin wird demnächst Poysdorf verlassen. Das jüdische Schuhgeschäft Broda, Dreifaltigkeitsplatz, ist aufgelassen, die Inhaber haben ebenfalls Poysdorf verlassen. Somit geht ein Jude nach dem anderen und es wird für arische Geschäftsleute mehr Platz.
(aus „Als wär` nichts geschehen - Die jüdische Gemeinde in Hollabrunn“, Ulrike Gollonitsch, Verein Kultur im Alltag, S. 30)

Laaer Nachrichten, 9. 12. 1938
Poysdorf. Hauskauf.
Das Haus das Max Eisinger, „Auf der Schanz“, wurde gerichtlich versteigert und erstand es um 21.600 Reichsmark der Nutzviehhändler und Fleischhauer Alois Paar.
(ebenda S. 31)

Laaer Nachrichten, 27. 5. 1938
Poysdorf. Judenrein!
So sprach der Kreisleiter Eichinger bei der Versammlung der illegalen Nationalsozialisten in Saale Gangl.. Mit dem Brustton, mit dem er das sagte, man kann überzeugt sein, meisterte er auch diese Aufgabe. Judenrein! Für jeden deutschen Arbeitsmenschen klingt das wie einen Erlösung. Da gibt’s aber eine Menge Leute, die vor Mitleid fast vergehen. Es sind ja auch Menschen, heißt es da, die auch leben wollen bei Juden kauft man billiger und es gibt Christen, die auch die Leute anschmieren und betrügen usw. Gemach, ihr mitleidigen Seelen, wir werden euch jetzt etwas anderes sagen: Kein Jude hat noch gearbeitet! Fast jeder jüdische Händler hat Leute betrogen! Oder vielleicht nicht ? Und wo suchen Juden Umgang mit dem anderen Geschlecht! Doch bei Christenmädeln! So manches jüdische Kukuksei wurde schon hineingelegt ins deutscharische Nest, dort ausgebrütet und großgezogen, unseren deutschen arbeitenden Volk zum Schaden und zur Schande! Und jetzt noch das Mitleid für diese Parasiten? Wer das nicht faßt und begreift, der gehe zum Bienenstock und da wird er sehen: man nimmt die unnützen Fresser und wirft sie einfach hinaus!
(ebenda S. 32)

Laaer Nachrichten, 25. 11. 1938
Poysdorf. Judenrein.
Unsere Stadt ist seit kurzem vollständig judenrein. Die jetzten Juden, welche unbedingt nicht abziehen wollten, waren Rechtsanwalt Dr. Samuel Stern samt Sarah. Sie wurden nun mittels Auto abtransportiert. jetzt können wir endlich froh darüber sein, daß diese Parasiten für immer unsere Stadt verlassen haben.
(ebenda S. 32)

Folgender Ausschnitt entstammt einer Abhandlung des Altbürgermeisters Robert Gloss über Poysdorf und berichtet über das Schicksal der jüdischen Poysdorfer. Zu ergänzen ist, dass die Tante von Kurt Fräser, Regine Eisinger, in Theresienstadt ermordet wurde:

Neben diesen Umwälzungen im öffentlichen Bereich waren die Juden die nächsten Opfer. Ein Augenzeuge berichtet: „Ich denke noch öfters daran, wie es 1938 zugegangen ist, mit den Juden zum Beispiel. Ich ging einmal in der Brunngasse und wollte etwas einkaufen, da kamen mir so zirka 25 bis 30 Leute entgegen, es waren Juden aus Poysdorf. Die trugen auf der Schulter landwirtschaftliche Werkzeuge, rechts und links sind junge Männer gegangen, welche sie getrieben haben wie eine Kuhherde. Ich blieb beim ehemaligen Marwan-Geschäft stehen und wollte mir diese Leute ansehen, da kam Frau Marwan heraus und winkte mir hineinzukommen. Da habe ich gesehen, daß Frau Marwan geweint hat. Sie hat gesagt: Wer nur soetwas tun kann, fürchten diese Leute keine Rache? Diese sind ja alle anständige Menschen und lauter Geschäftsleute aus Poysdorf.“ „ein anderes Mal wieder haben die Nazi ihre Autos zum Rathaus gestellt und die Juden wurden hingetrieben und mußten die Autos waschen. Sie haben es aber anstandslos gemacht.“ „Noch etwas: Einige Männer von den Juden sind immer ins Gasthaus Fuhry (Bahnhofs-Restaurant) Kartenspielen gegangen. eines Tages, als sie wieder ins Gasthaus gehen wollten, hat sie Gastwirt Fuhry ersucht, sie mögen um des lieben Frieden willen nicht mehr in sein Gasthaus kommen. Da sind den Männern die Tränen gekommen und sie sind nach Hause gegangen.“
1934 zählte man in Poysdorf 34 Juden, 1938 sind in der Einwohnerkartei 31 Juden verzeichnet, welche in diesem Jahr alle Poysdorf verließen.
Basch Arnold, Kaufmann, Josefsplatz 14, hat sich mit seiner Frau Hermine und den Kindern Helene und Heinrich am 30. 8. 1938 nach Wien II Cerningasse 21 abgemeldet.
Broda Heinrich und Jakob, Schuhgeschäft am Dreifaltigkeitsplatz, haben sich am 15. 6. 1938 nach ihrem Geburtsort Wolkersdorf abgemeldet.
Donath Friedrich hat mit seiner nichtjüdischen Frau Rosa und den Kindern Franz und Karl am 7. 5. 1938 durch Einatmen von Holzkohlegas Selbstmord begangen.
Eisinger Emil am 36. 4. 1938 nach Mistelbach abgemeldet.
Eisinger Max, Nutzviehhändler, Auf der Schanz 36, kam am 21. 6. 1938 durch die GESTAPO in das KZ Dachau.
Eisinger Regine, Trafikantin, Laaerstraße 54, wohin abgemeldet ist nicht bekannt.
Glaser Theresia, Geschäftsfrau, Dreifaltigkeitsplatz 6, am 25. 8. 1938 nach Wien III Parpzelsusgasse 8/7 abgemeldet.
Hahn Betty, Dreifaltigkeitsplatz 13, am 31. 3. 1938 nach Wien IX Rotenlöwengasse 27 abgemeldet.
Hahn Hermann, Kaufmann, Dreifaltigkeitsplatz 10, mit seiner Frau Selma und den Kindern Vera und Lilly nach Wein abgemeldet und später nach USA ausgewandert.
Heller Salomon, Kaufmann, Lichtensteinerstraße 62, wurde vom Kreisgericht Korneuburg mit 8. 5. 1945 für tot erklärt.
Heller Johann, Pferdehändler, Lichtensteinerstraße 62, ist mit seinem Bruder Otto nach den USA ausgewandert.
Reininger Siefried, Kaufmann, Brunngasse 3, hat sich mit seiner Frau Friederike nach Wien II Taborstraße abgemeldet, beide wurden 1942 nach Izbica in Polen deportiert und sind da ums leben gekommen. Ihre Kinder
Reininger Oskar und Kornelia sind mit ihren Eltern nach Wien gezogen und später nach den USA ausgewandert.
Schwarz Juliana, Wienerstraße 24, hat sich nach Wien II Große Mohrengasse 23/7 abgemeldet und fand 1939 den Tod in Theresienstadt.
Schwarz Jakob, Landesproduktenhändler, Schubertstraße 4, ging mit seiner Mutter und der Schwester Ernstine nach Wien, beide fanden ebenfalls 1939 den Tod in Theresienstadt.
Schwed Berta, Tabakhauptverlag, Laaerstraße 1, hat sich nach Wien II Vorgartenstraße 186 abgemeldet.
Dr. Stern Emanuel, Rechtsanwalt, Brunnengasse 2, hat sich mit seiner Frau Regine und der Tochter Edith nach Wien II Herminengasse 23/8 abgemeldet.
über das Schicksal jener Personen, die sich nach Wien, Wolkersdorf und Mistelbach abgemeldet haben ist nichts bekannt. mit Frau Glaser Theresia, welche am 25.8.1938 als letzte Jüdin Poysdorf verließ, gingen ihre Hausgehilfinnen Pichler Anna und Steyrer Josefine, sowie die Verkäuferin Theresia Angelmayer mit.