Die folgenden Erinnerungen stammen vom Neffen Kurt Fräsers, der diese im Dezember 2016 in seiner australischen Heimat verfasst hat. Sie liegen zuerst in meiner deutschen Übersetzung und dann im englischen Original vor:

Kurt Fräser


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Kurt mit seinen Eltern (Helene und Adolf) und seinem älteren Bruder Herbert 1928

Kurt Finkelstein wurde 1922 im Wien geboren, wo seinen Eltern in einer kleinen Wohnung in der „Vorstadt“, in Nussdorf, wohnten. Sein Vater, Adolf Finkelstein, wurde 1886 in Podwolocyska geboren. Dieser Ort liegt heute in der Ukraine, aber war damals Teil Galiziens, einem Randgebiet der österreichischen Monarchie, welches an Russland grenzte. Helene, seine Frau, war die Tochter von Ignatz und Rosalie Eisinger, die in Poysdorf, einer niederösterreichischen Kleinstadt, lebten. Die Familie Eisinger lebte in vielen Dörfern des österreichisch-mährischen Grenzgebiets. Der erste Vorfahre der den Nachnamen Eisinger trug war ein Schmied in Podivin [heute Tschechien] im 18. Jahrhundert. Mehrere Mitglieder der Eisinger Familie wurden am Mistelbacher jüdischen Friedhof begraben. Ignatz Eisinger leitete die jüdischen Gottesdienste in Poysdorf, wenn sie einen Minyan (Anzahl der benötigten Männer) erreichten.

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Kurt mit seinen Eltern und seinem Bruder

Kurt und sein älterer Bruder Herbert verbrachten viele schöne Schulferien in Poysdorf. Sie spielten mit den Kindern der Bauern, ruderten im Bach und gingen in der Gegend spazieren. Für gewöhnlich wohnten sie bei ihrer Tante, Regine Eisinger, die ein Lebensmittelgeschäft im Ort hatte. Sie begeisterte die Buben für Musik, welche sie auf ihrem damals primitiven Radio hörten, und sie halfen ihr im Laden.

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Hochzeitsfoto von Kurts Eltern

Nach dem Anschluss 1938 wurde Wien ein gefährlicher Ort für Juden und Kurt war gezwungen, Wien zu verlassen. Seine Eltern hat er nie wiedergesehen. Er konnte einer Durchsuchung seines Zuhauses entkommen und nach England fliehen. Als der 2. Weltkrieg ausbrach, wurde er als „feindlicher Ausländer“ verhaftet und für 18 Monate auf der Isle of Men gefangen gehalten.

Als er entlassen wurde, schloss er sich sofort der Britischen Armee an. Er wurde Unteroffizier in einer Pioniereinheit und war so bei der Landung am D-Day im Juni 1944 dabei. Später half er dabei, das KZ Buchenwald zu befreien. Während seiner Zeit in der Armee änderte er seinen Namen auf Kenneth Peter Fraser.

Kenneth Peter Fraser
Kurt in der britischen Armee 1943

Als er die Armee 1947 verließ, kehrte er nach Wien zurück und nannte sich von nun an Kurt Fräser. Er gründete ein Import/Export Geschäft und reiste so durch ganz Europa.

In seinen späten Jahren arbeitete Kurt in einer Organisation namens „Riga Initiative“ mit, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, jüdische Massengräber in Litauen zu lokalisieren. Er setzte sich dafür ein, dass ein Denkmal für die tausenden Menschen, sowohl Juden als auch Nichtjuden, errichtet wurde, für die es keine Gedenkstätte gegeben hatte. Kurt starb 2009.


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Kurt Fräser



Kurt Finkelstein was born in 1922 in Vienna, where his Parents rented a small apartment in the suburb of Nussdorf. His father, Adolf Finkelstein had been born in 1886 in the town of Podwolocyska. This town is now in Ukraine, but was at the time a part of the province of Galicia, on the borders of the Russian and Austrian Empires. Helene, his Wife, was the daughter of Ignatz and Rosalie Eisinger, who lived in Poysdorf, a little town in the Austrian countryside. Many of the Eisinger family members lived in villages in Austria and Moravia, and the first known ancestor to use the surname ‘Eisinger’ was a blacksmith in Podivin in the 18
th century. Several Eisingers are buried in the little Jewish cemetery at Mistelbach. Ignatz Eisinger acted as leader of Jewish services in Poysdorf, when they were able to assemble a minyan (religious quorum)

Kurt and his older brother Herbert spent many happy times during their school holidays in the village of Poysdorf. They played in the fields with the children of the farm workers, paddled in the ‘bach’ and went for long walks in the narrow lanes. They usually stayed with their Aunt Regine Eisinger, who kept a grocery shop in the village. She introduced the young children to music, listening to operas on her primitive radio set, and they would help her in the shop.

After the Anschluss took place in 1938 and Vienna became a dangerous place for Jews to live, Kurt was forced to leave Vienna. He would never see his parents again. After escaping a raid on his home, he was forced to flee and made his way to Great Britain. As World War 2 erupted, he was arrested as an ‘enemy alien’ and imprisoned for 18 months on the Isle of Man.

On his release, he immediately joined the British Army. He became a Sergeant in the Royal Engineers, and took part in the D-Day landings in June 1944. He later helped to liberate Buchenwald concentration camp. Whilst in the army, he changed his name to Kenneth Peter Fraser.

After leaving the army in 1947, he returned to Vienna and adopted the surname of Kurt Fräser. He started an import/export business, travelling all over Europe.
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Kurt later worked with an organisation known as the “
Riga Initiative”, attempting to locate mass graves in Latvia where Jews were murdered, including his parents. He helped to erect a monument to the thousands of people, both Jewish and non-Jewish, who were thus treated and have no known memorial.
He died in 2009.