Interviewpartner: Kitty S, geb. Drill - 4.1.1993


„Sigmund Drill war mein Großvater. Seine Frau wurde von der Straßenbahn umgefahren und nicht von den Russen. Er selbst ist in Mauritius gestorben. Er war ein sehr traditioneller Jude, sehr religiös, nicht vom Wissen, sondern von der Ausübung der Religion her. In dieser Beziehung war er sehr streng mit meinen Söhnen. Meine erste Erinnerung an ihn ist, dass er immer an mein Gitterbett gekommen ist um mit mir das Abendgebet zu sprechen. Er hat sehr streng den Sabbat gehalten und unter seiner Leitung wurde bei uns auch immer eine besondere Zeremonie zum Ausgang des Sabbats gehalten. (Nachtrag vom 24.10.2016:)
Die Zeremonie heisst „Haftala“ oder „Haftole“. Es wird gebetet und aus dem Weinbecher „Kiduschbecher“ getrunken und zum Schluss wird eine besonders geflochtene brennende Kerze mit dem Wein gelöscht. Er ist an einem Herzleiden in Mauritius gestorben und mein Vater hat immer gesagt, er hätte unter normalen Umständen sicher länger gelebt.

Meine Großmutter war Gisela Drill. Sie hat mich teilweise erzogen, nachdem meine Mutter im Jahre 47 gestorben ist. Sie war der Mittelpunkt der Familie, hat alles zusammengehalten und [war] ein Zentrum auch in Laa. Sie hat große Festmähler gegeben, war eine beliebte Köchin. Da kann ich eine Anekdote erzählen. Sie ist in Laa am Fenster gestanden, das hat die Erna Hauser immer erzählt. Sie ist da am Fenster gestanden, zum Beispiel an einem Sonntag und die Erna ist da vorbeigekommen und sie fragt sie, was es Neues gibt und was sie am Nachmittag tut, sagt sie, beim Fenster hinausschauen. Hat die Erna dann gesagt, da komm ich auch. Das war sozusagen die Sonntagsbeschäftigung.
Meine Großmutter hat auch herrlich gestickt. Sie hat sehr viele Stickereien gemacht, von denen ich teilweise noch etwas habe.

Drill Karl war mein Papa. In Israel war er Schichtarbeiter (Nachtrag 24.10.2016:
In einer von den Engländern betriebenen Schraubenfabrik.) und ist wieder nach Österreich zurückgekehrt, weil meine Mutter verstorben ist und weil wir hier noch Besitz hatten und er sich hier ein besseres berufliches Weiterkommen erwartet hat. Was dann auch so war. Wir sind dann auch wirklich noch relativ wohlhabend gewesen bis das Geschäft am absteigenden Ast war.

Meine Mama Etel Drill war eine geborene Wollmann, stammte aus Wien und ihre Familie wieder aus Ungarn. Sie hat in Hietzing gelebt und dann von Wien nach Laa geheiratet. (Nachtrag: 24.10.2016):
Meine Eltern wurden einander vorgestellt. Mein Onkel Alexander, Bruder meiner Mutter, kannte Max Blau und so fing es an. In Wien hat aber im Februar 1934 die Trauung stattgefunden. Sie ist an Krebs gestorben im Jahre 1947 in Israel und ist in Israel begraben.

Mein Onkel Ernst Drill war geschäftlich in Kompanie mit meinem Papa, aber die Brüder waren auch so immer sehr verbunden. Für mich war der Onkel ein zweiter Vater, da er erst im Jahr 1949 geheiratet hat. Ich habe ihn sogar eine Zeit lang lieber gehabt als meinen Vater, weil er mehr Geduld und Verständnis für mich gehabt hat und in den späteren Jahren bin ich dann eigentlich meinem Vater immer näher gekommen. Ich war auch sehr eifersüchtig wie er geheiratet hat – auf seine Frau und sein Kind, was sich mit den Jahren natürlich geändert hat.

Drill Anni lebt in Wien mit ihre Zwillingsschwester, nachdem beide verwitwet sind. Sie hat im Jahr 1949 meinen Onkel Drill geheiratet, hat einen Sohn, der in Wien lebt und verheiratet ist.

Bei Bernhard Drill weiß ich die Verwandtschaft jetzt nicht.

Moritz Drill war der Vater der Hilda und der Herta. Im Krieg flüchtete er nach Amerika und nach dem Krieg ging er zu seinen Töchtern nach Australien. Seine Frau Carla ist 67 Jahre alt geworden und war eine sehr gescheite Frau.“

Wie war das für Sie zurückzukommen, wo Sie so lange von Österreich weg waren?

„ Mit 4 Jahren bin ich von Österreich weg und mit 12 Jahren zurückgekommen. Ich hab mich nie dazugehörig gefühlt, 100-prozentig bis heute nicht. Aber ich könnte auch nicht sagen, dass ich mich wo anders dazugehörig fühlen würde. Wenn man mir zum Beispiel sagen würde, geh nach Israel, dort ist deine wirkliche Heimat, es ist auch das nicht meine Heimat. Man ist irgendwie entwurzelt oder man assimiliert sich total. Ich bin nach außen hin wohl assimiliert, aber in meinem innersten Inneren habe ich immer noch das Gefühl, ich gehöre nicht dazu. Aber ich gehöre nirgends dazu.“

Hat sich Ihr Vater nach Österreich zugehörig gefühlt?

Ich glaub auch nicht. Ich glaube wir sind alle in erster Linie Juden und in zweiter Österreicher. Er hat sich sicherlich nach hier eher verbunden gefühlt als zu einem anderen Ort, aber, dass er sich dazugehörig gefühlt hat, glaube ich kaum. Aber auch woanders hin nicht. Ich glaube, das war bei ihm genauso wie bei mir. Es hat Menschen gegeben, die erst durch den Krieg darauf gekommen sind, dass sie Juden sind, weil sie eben durch die Anderen darauf hingewiesen wurden und solche, die immer gettoisiert waren und irgendwie lebe ich auch gettoisiert bis zum heutigen Tag.“

Hat er zu Ihnen gesagt, wie es für ihn war, als er nach Laa zurückgekommen ist und so viele Leute nicht mehr da waren?

„Er hat mir Laa gezeigt, aber er war nicht so sentimental. Er hat mir Laa gezeigt, aber er hat genau gewusst, dass er nicht mehr nach Laa gehen kann, um hier zu leben, auch wegen mir natürlich. Außer seinem Geschäft hat er nicht mehr viel Bindung gehabt. Er ist zwar schon im Wirtshaus gesessen und hat mit den Leuten da geredet, aber er hatte in Laa vor allem nur das Geschäftliche.“

Wie war die Reaktion der Laaer?

„Ich glaube eher positiv. Ich glaube im Nachhinein war keiner ein Nazi. Vor dem Krieg hat der Papa mit Frucht gehandelt und da musste er früh aufstehen, um mit den Bauern auszumachen und wenn er da gekommen ist, hat es geheißen „Der Jud ist da“. So hat man gesagt, genauso wie der Zigeuner ist da. Aber es wurde eher so gesagt, als dass der Name gesagt wurde. Und wie er dann zurückgekommen ist, da habe ich nur positive Erinnerungen und ich weiß nicht, dass ihm jemand etwas Böses ins Gesicht gesagt hat. Es waren aber auch noch alle viel zu gehemmt und ich weiß nichts Schlechtes aus der Zeit. Jetzt ist der Antisemitismus anscheinend größer geworden. Aber ich gehe nicht so herum und sage, „was bist du, das bin ich“, ich weiche dem aus eigentlich. Also meine Kinder sind viel mehr auf Konfrontation als ich, ich weich dem aus, also habe ich mit dem Antisemitismus keine persönliche Erfahrung.“

Hatten Sie, als Sie mit 12 Jahren zurückgekommen sind, wegen der Sprache Schwierigkeiten?

„Nein, eigentlich nicht, weil wir haben immer Deutsch gesprochen. Ich kann eigentlich Deutsch am Besten. Wir waren 2 Jahre in Israel, da habe ich wohl die Sprache gelernt und bin dort in die Schule gegangen. Ich war hier, wie ich hergekommen bin, nicht so gut gleich, aber ich bin gleich in die richtige Klasse gekommen. Ich bin allerdings nur in die Hauptschule gegangen und später in die Hotelfachschule und rückblickend glaube ich, dass – wenn ich eine normale Schulausbildung gehabt hätte, ich habe keine abnormale gehabt aber ich bin in 3 Ländern in 5 Schulen in 8 Jahren gewesen – also ich hab eigentlich normal gelernt. Ich hab die erste Zeit hier einen Privatlehrer gehabt, der mich auf das richtige Niveau gebracht hat und bin dann hier in die 3. Klasse Hauptschule gekommen – für ein halbes Jahr – und habe dann die 4. Klasse gemacht und bin dann in die Hotelfachschule gekommen. In der Hotelfachschule bin ich nicht so gut gewesen, aber nur deshalb weil das damals für eine 14-jährige eigentlich eine Überforderung war.“
Nachtrag vom 25.10.2016: „In Mauritius gab es eine Schule. Es gab eine Lehrerin und diverse gescheite Leute, die unterrichteten. In Israel/Rechowot kam ich in die vierte Klasse Volkschule. Dann sind wir nach einigen Monaten nach Holon übersiedelt. Dort war ich auch in der vierten Klasse. Im Sommer 1946 lernte ich mit anderen Einwanderern den Stoff der 5. Klasse und kam im Herbst dann in die 6. Klasse. Die Zeugnisse waren ohne Noten. Es gab durchgekommen oder mit gutem oder sehr gutem Erfolg durchgekommen. Im Herbst 1947 fuhren wir nach Wien. Da hatte ich einen Privatlehrer und kam dann im zweiten Semester in die dritte Klasse Hauptschule. Dann sind wir in den vierten Bezirk übersiedelt und ich endete die vierte Klasse in der Hauptschule Starhemberggasse. Dann kam die 2 jährige Hotelfachschule.“

Wie waren Sie mit der Familie Hauser verwandt?

„Meine Großmutter ist eine geborene Hauser. Von den Geschwistern gibt es noch Nachkommen. Eine Hauser gibt es noch in England und dann gibt es noch in Wien von einem Hauser die Nachkommen und in Australien den Fritz Hauser, der vor 1 oder 2 Jahren gestorben ist und der hat noch eine Tochter in Australien. Dann gibt es noch eine Hauser, die nach St. Pölten geheiratet hat und deren Tochter lebt in Argentinien. Sonst weiß ich von keinen Hausers mehr.“

Kennen Sie den Namen Eisinger?

„Die sind in Tulln. Eine Schwester meiner Großmutter, von der ich nicht weiß, wie sie geheißen hat, hat einen Eisinger in Tulln geheiratet. Die Eisingers stammen aus Nikolsburg und von den Eisingers gibt es Nachfahren in Tulln. Da hab es den Oskar Eisinger, der nach dem Krieg noch in Tulln gelebt hat und Viehhändler war, geheiratet hat und 2 Töchter hat. Seine Frau Grete Eisinger lebt noch immer in Tulln. Dann gab es den Paul Eisinger, der in Amerika gelebt hat und dort gestorben ist und keine Kinder hat.“

Wo sind Sie hin, als Ihre Familie von Laa weg musste?

„Wir sind nach Wien, da haben wir zuerst in der Praterstraße gewohnt und aus irgendeinem Grund sind wir dann in die Czerningasse übersiedelt, wobei die Wohnung in der Praterstraße – das erinnere ich mich dunkel – schöner war und in der Czerningasse hatten wir auch nur eine Parterrewohnung, die nicht sehr komfortabel war.“

Es wird oft gesagt, dass die Juden aus Laa zuerst nach Wien gekommen sind.

„Das dürfte stimmen. Ich kann es nicht genau sagen, aber wir sind nach Wien gegangen. – Übrigens, was mir gerade noch einfällt, der Lazi, der Lebensgefährte von Erna Hauser, ist im August gestorben. Aber noch zur Erna Hauser. Sie ist die Tochter von der Berta und dem Max Hauser. Der Vater hat Selbstmord begangen und die Erna ist mit ihrer Mutter im Jahr 1938 nach London. Die Mutter ist in England gestorben und die Erna hat in England den Herrn Liddle geheiratet, welcher bei Scotland Yard war und sie hat nach dem Krieg verschiedene Jobs gehabt, ist in relativ jungen Jahren an Parkinson erkrankt. Sie ist 1913 geboren und in den 80er Jahren gestorben, ich glaube 1986. Sie hat jahrelang einen liebevollen Begleiter, den Lazi Annus, gehabt, der sie geliebt und gepflegt hat, bis zum Schluss. Sie war eine sehr lebhafte, vielseitig interessierte Frau, hat gute allgemeine Bildung gehabt und Freunde in aller Welt.“

Auf der Kopie, die Sie mir geschickt haben – da ist die Bar Mitzwa Ihres Vaters als Konfirmation angegeben.

„Ja, das hat mich auch gewundert, aber das war wahrscheinlich wegen der Anderen, dass sie es besser verstehen. Ich kann es mir nicht anders vorstellen.“

Würden Sie es auch als Zeichen einer gewissen Assimilierung sehen?

„Ja, es schaut so aus, obwohl meine Erinnerungen so sind, dass wir eigentlich nicht so assimiliert waren, aber es ist durchaus möglich.“

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie an Laa denken?

„Eher gleichgültig – aber anscheinend doch nicht so gleichgültig, denn sonst hätte ich Sie ja nicht kontaktiert.“

Wissen Sie etwas über die Geschwister Ihres Großvaters?

„Willi Drill war ein Bruder des Sigmund Drill. Hermann hat ein anderer Bruder geheißen, war in Wien Lederhändler, hatte 2 Töchter, Ida und Grete. (Nachtrag vom 26.10. 1916:) Ida war mit Ing. Zeisel verheiratet. Er starb jung, ca. 1933. Die Nachkommen des Sohnes Louis leben in Wien. Die Tochter Guki hat nach Amerika geheiratet. Alle waren während des Krieges in Belgien. Grete Steiner geb Drill hat in Amerika gelebt und eine Tochter Gabi.
Der Vater des Sigmund Drill war angeblich Hausierer.
Der Siegfried Hauser, das war der jüngste Hauser-Bruder und den hat meine Großmutter praktisch erzogen. Er ist im Krieg in England gewesen und ist nach dem Krieg noch hier her gekommen auf Besuch, hat aber glaub ich schon in Wien gelebt vor dem Krieg, nicht in Laa.
(Nachtrag vom 25.10.2016): Willi Hauser war der Bruder meiner Oma Gisela und lebte in Hollabrunn.