Lebensgeschichte Kitty S. - geborene Drill


Die Lebensgeschichte von Kitty S., geborene Drill, stammt aus dem Online-Archiv „Centropa“. Da es wegen temporärer Links nicht möglich ist, einen Link auf die eigentliche Centropa-Seite zu machen, hat mir Kitty die Erlaubnis gegeben, das Entsprechende herunterzuladen und so auch durch www.lead-niskor.org zugänglich zu machen. Unter „Centropa“ finden sich noch mehr Familienfotos und Scans von Dokumenten, doch auch hier können Sie ein Familienalbum der Familie Drill sehen (selbes Problem). Dem „Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e.V.“ hat sie von ihrer Verbindung zur Hakoah und ihrer Vergangenheit erzählt. Ein Interview, dass sie mir gegeben wird, wird noch eingestellt werden.


Datum des Erstinterviews: Mai 2002
Datum des Zweitinterviews: März 2005
Name des Interviewers: Tanja Eckstein

Kitty S. wohnt mit ihrem Ehemann Herbert im 9. Bezirk in Wien. Sie besitzt viele Fotos und Dokumente und erzählt mir gern ihre Geschichte und die Geschichte ihrer Familie, die einmal sehr groß war. Familienmitglieder lebten am Land in Niederösterreich, aber auch in kleineren Städten und in Wien. Die Familie blieb immer beisammen, auch wenn es leichter gewesen wäre, getrennte Wege zu gehen. Eine Tradition, die Kitty S. im Laufe ihres Lebens fortgesetzt hat.


Mein Urgroßvater Bernhard Drill wurde 1838 geboren und starb im Jahre 1912. Seine Frau, meine Urgroßmutter Hanni, eine geborene Koch, wurde 1842 geboren. Sie heirateten 1863 in Nikolsburg [tschechisch Mikulov, Tschechien], in Südmähren. Als sie noch jung waren, ich glaube, mein Urgroßvater war zu dieser Zeit Hausierer, übersiedelten sie nach Laa an der Thaya, einem sehr schönen Städtchen in Österreich, das unmittelbar an der tschechischen Grenze liegt.

Mein Großvater Sigmund wurde 1872 in dem Dorf Gaubitsch geboren, das nur wenige Kilometer von Laa entfernt liegt. Ich vermute, dass dort ein Teil der Familie lebte und die Urgroßmutter zur Entbindung nach Gaubitsch gefahren ist.

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Zeugnis von Sigmund Drill aus dem Jahre 1886

Sieben Geschwister hatte mein Großvater: Hermann, Leopold, Moritz, Wilhelm, Lotte, Ignatz und Jakob. Der Urgroßvater hatte einen Bruder Heinrich Drill in Wien, der kinderlos war. Drei seiner Söhne, den Wilhelm, den Hermann und den Leopold schickte er zu diesem Bruder, vielleicht ging es dabei um eine bessere Ausbildung. Jedenfalls blieben diese drei in Wien und machten sich dort selbständig.

Wilhelm war mit Paula Mandel verheiratet und hatte zwei Söhne. Alfred, der 1902 geboren wurde war mit Adi verheiratet, sie hatten keine Kinder. Er wurde im Oktober 1939 nach Nisko [1] deportiert und kam dort um. Fritz war mit Trude verheiratet, auch diese Ehe war kinderlos. Ihnen ist die Flucht nach Amerika gelungen, wo sie sehr alt wurden. Zum Schluss lebten sie in Kalifornien, aber Genaues weiß ich nicht. Wilhelm und Paula Mandel wurden im Holocaust ermordet.

Hermann war Ledergroßhändler und hatte sein Geschäft im 15. Bezirk, in der äußeren Mariahilferstrasse. Seine Frau Anna Geiringer kam aus der Tschechoslowakei. Sie hatten zwei Töchter, Grete und Ida. Ich weiß, dass Ida 1896 geboren ist. Grete war nach dem Krieg einmal in Wien, da habe ich sie kennen gelernt. Sie waren nach dem Einmarsch der Deutschen nach Amerika geflüchtet, aber ich hatte keinen Kontakt mit dieser Familie.

Leopold war Eisenhändler in Wien, hat aber irgendwann ein Kaffeehaus im 10. Bezirk eröffnet. In erster Ehe war er mit Käthe Klamper verheiratet, die bereits im Jahre 1904 gestorben ist. Sie hatten zwei Töchter und einen Sohn: Adele, Hermine und Robert.
Adele hat einen Herrn Grünsteidel geheiratet und hatte zwei Söhne: Eugen und Harry. Hermine, verehelichte Haas, hatte eine Tochter Lia und einen Sohn Robert. Lia lebt in Israel und ist mit Pinchas Zuckerman verheiratet, aber das ist nicht der bekannte Geiger. Sie haben drei Kinder: Amira, Ronit und Ethan. Robert war verheiratet mit Grete. Sie hatten eine Tochter Gerda, verehelichte Rech. Gerda hat einen Sohn Thomas, der Maria geheiratet hat. Leopold und seine zweite Frau Katharina hatten eine Tochter Johanna, die vor dem Holocaust nach England floh, Laszlo Reti heiratete und fünf Kinder hat. Leopold und Katharina wurden im Holocaust ermordet.

Ida war mit Arthur Zeisel verheiratet, dem eine Maschinenfabrik im 8. Bezirk, in der Kaiserstrasse gehörte. Sie hatten zwei Kinder: Gerda Kitty, Guki genannt und Ludwig, Luis genannt. Arthur starb bereits im Jahre 1935 an einem Gehirntumor. Nach dem Tod ihres Mannes, hatte Ida die Maschinenfabrik in der Kaiserstrasse übernommen. Ida, Luis und Guki sind 1938 gemeinsam mit dem Bruder vom Arthur, dem Hermann und seiner Frau Anna, nach Belgien geflohen und haben dort während des Holocaust in Brüssel, wahrscheinlich mit falschen Papieren, überlebt. Guki lernte nach der Befreiung in Belgien einen amerikanischen Offizier kennen, heiratete ihn und ging mit ihm nach Amerika. Dort bekam sie zwei Töchter. Die anderen gingen nach Wien zurück. Hermann starb 1953 und Anna 1961 eines normalen Todes. Sie sind am 1. Tor auf dem Zentralfriedhof begraben. Luis hat nach dem Krieg Maschinenbau studiert und dann die 1938 arisierte, und nach dem Krieg zurückbekommene Maschinenfabrik, übernommen. Ich glaube, es gab während der Kriegszeit einen Verwalter, den sie kannten und der ihnen die Fabrik nach dem Krieg zurückgegeben hat. Später ist aus der Maschinenfabrik ein Maschinenhandel entstanden, hauptsächlich mit Werkzeugmaschinen. Luis war mit Veronika verheiratet, sie haben eine Tochter Angelina, die mit Robert Keil verheiratet ist. Angelina und Robert haben eine Tochter Roberta und einen Sohn Max. Die Familie lebt in Wien. Luis ist erst vor wenigen Monaten in Wien gestorben und liegt auf dem Zentralfriedhof am 1. Tor begraben.

Über den Bruder Leopold weiß ich nur, dass er mit Katharina verheiratet war und im Holocaust ermordet.

Moritz war Fruchthändler in Laa und mit Karla verheiratet. Sie hatten zwei Töchter: Herta, die 1912 geboren wurde und Hilda. Moritz und Karla sind 1938 oder 1939 nach Amerika geflohen. Die Töchter Herta und Hilda emigrierten nach Australien. Herta, die im Jahre 2003 starb, war dort mit Sigmund Tery verheiratet, sie haben eine Tochter Lilian. Hilda starb vor vier Jahren. Sie war mit Ray White verheiratet und hatte zwei Kinder: Caroline und Allen. Die Familien leben noch heute in Australien.

Lotte war mit Nathan Blau verheiratet. Sie hatten eine Tochter Tina und einen Sohn Max.
Max war mit Lina verheiratet. Auch ihnen gelang die Flucht, sie starben nach vielen Jahren in Amerika. Ich weiß, dass mein Vater in den 1950er-Jahren noch mit ihnen korrespondierte. Über Tina weiß ich nichts. Ich glaube, Lotte und Nathan wurden im Holocaust ermordet.

Ignatz war mit Dora Kolb verheiratet, sie lebten in Laa und hatten einen Sohn Albert, der an einer Heizungsvergiftung starb. Mehr weiß ich über diese Familie nicht.

Dann gab es noch einen Bruder, der Jakob hieß, bei meinem Großvater Sigmund lebte und sehr jung starb.

Mein Großvater Sigmund besuchte sechs Jahre die Volksschule und wurde danach ‚Frucht- und Produktenhändler’ und Pferdehändler in Laa. Er besaß einen Import und Export für Zwiebel, Knoblauch, sämtliche Sämereien und Futterartikel und kaufte und verkaufte Pferde, die für die Arbeit auf den Äckern verwendet wurden. Ich weiß, dass die Pferde hauptsächlich in Ungarn eingekauft wurden. Im Sommer, noch in der Dämmerung, um vier, halb fünf in der Früh, bevor der Bauer mit seiner Arbeit begann, hieß es dann auf den Bauernhöfen: ‚Der Drilljude ist da!’

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Visitenkarte Sigmund Drill

Mein Großvater wickelte später mit meinem Vater Karl, der am 1. April 1902 in Laa geboren wurde und seinem Bruder Ernst, der am 15. Mai 1904 in Laa geboren wurde, die Geschäfte ab. Gegen halb acht waren sie dann wieder zu Hause und nahmen ihr zweites Frühstück ein. Mein Großvater war nicht beim Militär, irgendwie schaffte er es, nie eingezogen zu werden, aber seine Brüder wurden eingezogen. Ich weiß, dass sie nicht begeistert darüber waren und immer versuchten, dem zu entgehen.

Die Eltern meiner Großmutter Gisela waren Hermine und David Hauser. Vor kurzem war ich mit meinem Mann am Jüdischen Friedhof in Hollabrunn. Dort habe ich das Grab des David Hauser, meines Urgroßvaters, gefunden. Er starb am 14. Mai 1922 im 76. Lebensjahr, also wurde er 1846 oder 1847 geboren. Auf dem Stein steht noch, dass er aus Laa an der Thaya stammte. Ich nehme an, er hat seine letzten Jahre bei seinem Sohn Willi in Hollabrunn verbracht. Dies ist aber nur eine Vermutung. Über Hermine Hauser, meine Urgroßmutter, habe ich nichts Neues erfahren.

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ein besonderes historisches Dokument - die Bar Mitzwah von Kittys Vater Karl wird hier als Konfirmation bezeichnet - wahrscheinlich um nichtjüdischen Gästen das Verständnis zu erleichtern

Meine Großmutter Gisela, geborene Hauser, wurde cirka 1880 in Kostel, das heute Podovin heißt und an der Österreichisch - Tschechischen Grenze, in der Nähe von Nikolsburg liegt, geboren. Sie war eines von zwölf Kindern. Ich glaube, es waren eigentlich siebzehn Kinder, aber zwölf hatten überlebt - die anderen starben als Babys oder Kleinkinder. Ich möchte kurz erzählen, was ich über die Geschwister meiner Großmutter und ihrer Nachkommen weiß:

Max Hauser war Viehhändler und lebte mit seiner Frau Berta und der Tochter Erna, die 1913 geboren wurde, in Laa. Er beging 1935 Selbstmord und liegt auf dem jüdischen Friedhof in Mistelbach begraben. Warum er sich umgebracht hat, weiß ich nicht. Seine Frau Berta und die Tochter Erna flüchteten 1938 oder 1939 nach England. Berta starb 1942 in London. Erna heiratete einen Engländer namens Georg Liddle, die Ehe blieb kinderlos. Erna kannte ich gut, denn sie kam nach dem Krieg oft nach Wien. Sie war eine schillernde Persönlichkeit und führte bereits, lange bevor Emanzipation für Frauen selbstverständlich wurde, ein emanzipiertes Leben. Leider litt sie später an Parkinson und starb im Jahre 1986 in London.

Willi Hauser und seine Frau Hermine lebten in Hollabrunn und hatten drei Söhne, Emil, Fritz und Otto und zwei Töchter Hilda und Irma. Emil war Viehhändler und mit Erna Schidlof verheiratet. Ihre Tochter Inge, verheiratete Meier, lebt in Wien. Sie wurde im August 1933 geboren und hat zwei Kinder und drei Enkel. Mit Inge war ich lange Zeit sehr befreundet. Emil war der Erste der Familie, der nach Palästina emigrierte. Inge und ihre Mutter blieben mit meiner Familie in Wien. Wir flüchteten dann gemeinsam über die Donau nach Palästina. Hilda wurde 1905 geboren, war mit Herrn Tauber verheiratet und emigrierte nach London. Die Ehe blieb kinderlos. Fritz, der mit Wally verheiratet war, starb vor dem Krieg. Wally flüchtete nach England. Fritz und Wally hatten eine Tochter Susi Pepper, die zwei Söhne hat. Susi lebt in England ein traditionelles jüdisches Leben. Ich habe aber ke inen Kontakt mehr zu ihr. Otto Hauser starb 1938, woran, weiß ich nicht.

Irma wurde 1902 geboren und war mit Jakob Kohn verheiratet. Sie besaßen ein Konfektionsgeschäft in St Pölten, mehrere Häuser und Geschäfte. Ihre Tochter hieß Renee Delphina. Jakob Kohn hatte zwei Brüder. Heute leben in St. Pölten zwei Juden, der Herr Kohn und der Herr Dr. Morgenstern, der ein Verwandter vom Jakob Kohn ist. Im Jahre 1938 sind Irma und Jakob mit einem sogenannten Kapitalistenzertifikat, das man für viel Geld bei den Engländern für die Einreise nach Palästina kaufen konnte, nach Palästina geflüchtet. Nach dem Krieg kamen sie nach Österreich zurück, bekamen ihr Geschäft wieder und blieben in St. Pölten. Irma starb im Jahre 1971. Ihre Tochter lebt in Argentinien und hat einen Sohn Michael. Willi und seine Frau Hermine wurden im Holocaust ermordet. Sie wurden am 26. Februar 1942 in das Ghetto Opole in Polen deportiert, wo Hermine bereits einen Monat später starb.

Ernestine war mit Herrn Ullmann verheiratet. Sie hatten zwei Söhne, Hugo und Leo, aber über diese Familie weiß ich nichts.

Else war mit Michael Eisinger verheiratet und zog mit ihm nach Tulln. Sie hatten zwei Söhne, Paul und Oskar, der 1908 geboren wurde. Else starb vor dem Krieg an einer Blutvergiftung in Tulln. Ihr Mann Michael heiratete ein zweites Mal. Mit Lotte hatte er noch zwei Töchter: Liese und Mimi. Die Töchter waren 1938 ungefähr zwischen 17 und 20 Jahre alt. Sie sind, genauso wie wir, 1939 nach Palästina geflüchtet und waren dann mit uns auf Mauritius. Liese heiratete auf Mauritius, bekam nach dem Krieg in Israel eine Tochter und starb irgendwann in Israel. Mit ihr hatte ich vor dem Krieg guten Kontakt, mit Mimi nach dem Krieg. Mimi kam aus Israel zurück nach Wien, hat dann aber einen amerikanischen Soldaten geheiratet, mit dem sie nach Amerika ging. Sie hatte zwei Kinder und ist an Krebs gestorben.

Oskar war Viehhändler in Tulln. Er ist 1938 nach Palästina geflüchtet und kam nach dem Krieg nach Österreich zurück, wo er wieder in Tulln als Viehhändler gearbeitet hat. Er heiratete Grete, mit der er zwei Töchter, Else und Susi hatte, die beide in Tulln leben.

Paul hatte keine Kinder, ist nach Amerika geflüchtet, und ich glaube, dass er inzwischen gestorben ist.

Michael wurde im Holocaust ermordet.

Lotte überlebte den Holocaust und hatte während des Holocaust das Gelübde abgelegt:
‚Wenn ich gesund zurückkomme und meine Kinder wiedersehe, werde ich fromm.’ Sie kam zurück, ihre Kinder hatten den Holocaust überlebt, und sie lebte nach dem Krieg bei ihrem Stiefsohn Oskar in Tulln wirklich ein frommes Leben. Als sie einmal im Spital in Tulln war, wurde sie von einer Klosterschwester betreut und ging mit ihr spazieren. Die Klosterschwester soll gesagt haben: ‚Das ‚Neue Testament’ stützt das ‚Alte Testament’.
Lotte starb 1983 und Oskar 1985 in Tulln, beide liegen in Wien begraben.

Über Berta, die einige Söhne hatte, weiß ich nichts.

Bernhard lebte in Wolkersdorf und hatte mit seiner Frau Hermine zwei Söhne, Fritz und Max. Fritz war mit Marianne Körner verheiratet und hatte eine Tochter Susanne. Während des Krieges versteckten sich alle drei in Frankreich, aber Marianne wurde verhaftet und ins KZ Auschwitz deportiert, das sie zwar überlebte, aber an ihr wurden im KZ medizinische Versuche durchgeführt, an deren Folgen sie bis an ihr Lebensende gelitten hat. Sie reagierte ganz gegensätzlich zur Lotte Eisinger. Sie hat gesagt: ‚Ein Gott, der den Holocaust erlaubt hat, an den glaube ich nicht mehr.’ Sie hatte ihren religiösen Glauben verloren. Fritz und Susanne haben den Holocaust in Frankreich überlebt und sind in den 1950er-Jahren mit Marianne nach Australien emigriert. Susanne heiratete in Australien Harry Miles.
Max war auch in Australien, hatte eine Frau und einen Sohn. Ich weiß nicht, ab wann er dort gelebt hat. Deshalb emigrierte sein Bruder Fritz mit Familie auch nach Australien. Was genau mit Bernhard und Hermine während des Holocaust passiert ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie ermordet wurden.

Julius starb in jungen Jahren.

Gustav war mit Irma verheiratet und hatte einen Sohn, der bereits im Alter von vier Jahren starb. Mehr weiß ich nicht über ihn.

Siegfried Hauser war der jüngste der Geschwister und hat in Wien gelebt. Er starb 1956 in London, wohin er mit seiner Frau Mizzi, geborene Scamperl, vor dem Holocaust geflohen war. Sie hatten keine Kinder. Ich weiß nur noch, dass meine Großmutter ihren jüngsten Bruder im Kinderwagerl geschoben hatte - so groß war der Altersunterschied zwischen ihnen.

Meine Großmutter war die Älteste, und als alle schon erwachsen waren, blieb sie der Mittelpunkt, das Zentrum der großen Familie. Das hatte ich von meiner Großmutter übernommen. Wenn ein Feiertag war, war immer ich diejenige, die alle versammelte. Nun übernimmt das meine Schwiegertochter, die ein Gesellschaftsmensch ist, und ich hoffe, dass sie das weiterführt.

Die Urgroßeltern mütterlicherseits stammten aus Ungarn, aus der Gegend von Komarom. Der Urgroßvater Moritz Ungar war Rockschneider und die Urgroßmutter Therese war Köchin bei einem Schochet [3] in Guta. In dieser Familie hat es einen Josef gegeben, ich glaube, das war ein Bruder vom Moritz, aber es könnte auch ein Onkel gewesen sein, der diente in der k. u. k Armee [4] und wurde geadelt. Ich besitze sogar den Adelsbrief. Mein Verwandter in Chile, Johnny Ungar, hat sich mit Familienforschung befasst und das herausgefunden. Dieser Adelstitel allerdings war nicht vererbbar. Man hat ihn bekommen, wenn man eine gewisse Dienstzeit beim Kaiser absolviert hatte. Meine Großmutter erzählte oft, dass der Schochet, bei dem die Urgroßmutter gearbeitet hatte, zur Urgroßmutter gesagt hat: ‚Nimm den Moritz zum Mann, der ist ein anständiger Mensch!’ Und so heiratete sie den Moritz, meinen Urgroßvater. Eine Mikwe gab es in dem Dorf nicht, aus dem die Großmutter kam. Darum hatte sie dort irgendeinen Fluss als Mikwe [5] benutzt, das hat sie mir einmal erzählt. Nach dem Schabbat [6] saßen immer alle Frauen um einen großen Tisch und sortierten Gänsefedern. Damals wurden die Gänse noch selbst gerupft. Das war ein gesellschaftliches Zusammensein, man plauderte und sortierte die Federn. Die Urgroßeltern waren sehr religiös, die Urgroßmutter trug noch einen Scheitl [Perücke]. Irgendwann übersiedelten sie nach Bad Vöslau.

Vor einigen Jahren war ich in Chile zur Bar Mitzwah [7] meines Verwandten Daniel Ungar eingeladen. Das ist eine große jüdische Familie dort, denn auch die Nachkommen von Max und Jakob, den Brüdern meiner Großmutter Rosalia, haben Nachkommen in Chile, die sehr zusammenhalten. Viele Verwandte traf ich dort das erste Mal, und ich war sehr aufgeregt. Ich hatte meine Rede, die ich halten sollte, gut vorbereitet, und ich wollte diese Geschichte über die Urgroßmutter Therese und den Urgroßvater Moritz erzählen, aber da protestierte mein Verwandter John: ‚Du kannst doch nicht erzählen, dass der Urgroßvater ein Schneider und die Urgroßmutter Köchin war! Wir leben hier seit Jahrzehnten mit der Geschichte, dass unsere Familie seit Generationen im Konditorwesen tätig ist.’ Das stimmt schon, dass die Nachfahren Max und Jakob, die Brüder meiner Großmutter mütterlicherseits, aus Ungarn nach Bad Vöslau kamen und dort eine Konditorei und einen Kiosk beim Kurpark besaßen. Irgendwann sind sie nach Wien übersiedelt, einer hatte ein Lebensmittelgeschäft und der andere ein Automatenbuffet, im 6. Bezirk, in der Mariahilferstraße - heute würde man dazu Espresso sagen. In dem Automatenbuffet waren die Sandwichs wie auf einer Tortenplatte, die man drehen konnte, wenn man Geld hineinwarf, konnte man sich ein Sandwich nehmen. Also es stimmt, dass sie ein Konditorengeschäft besa lig;en, aber der Vater dieser Nachfahren war Moritz Ungar und der war Rockschneider. Mein Verwandter sagte: ‚Nein, wir leben seit Generationen als Konditoren und da passen der Rockschneider und eine Köchin beim Schochet nicht dazu.’ Und so musste ich meine Rede ändern!

Moritz und Therese hatten zwei Söhne und zwei Töchter: Rosa Siklos, meine Großmutter Charolta Rosalia und die zwei, über die ich gerade erzählt habe, den Max und den Jakob.
Rosa Siklos wurde im Holocaust ermordet. Ein Sohn, Lazslo, überlebte den Krieg und 1956, während des Ungarnaufstandes flüchtete er nach Österreich. Von Österreich wanderte er nach Kanada aus.

Über Max weiß ich nur, dass er mit Irma Kobler verheiratet war und sie zwei Kinder, Kurt und Liese, hatten.

Jakob, später Jaques Ungar, war mit Stella, später in Chile hieß sie Ernestine, verheiratet. Sie hatten eine angenommene Tochter Edith, die Diti genannt wurde. Diti heiratete Kurt Ungar, ihren Cousin, da sie ja nicht blutsverwandt waren. Sie hatten drei Söhne: Johnny, Fredy und Andy. Liese Ungar heiratete Kurt Goldschmied und hatte zwei Kinder.

Meine Großmutter Rosalia Wollmann, geborene Ungar, wurde in Guta-Komarom um 1867 geboren.

Kurz gegen Ende des 19. Jahrhunderts heiratete meine Großmutter Rosalia meinen Großvater Michael Wollmann in Guta, wo 1896 mein Onkel Eugen geboren wurde. Mein Großvater bekam dann einen Posten als Buchhalter in Budapest, wo mein Onkel Alexander 1900 geboren wurde. Irgendwann übersiedelte die Familie nach Bad Vöslau. Meine Mutter Etel wurde am 8. Februar 1905 in Bad Vöslau geboren, obwohl ihre Eltern zu dieser Zeit bereits in Wien lebten und in der Hietzinger Hauptstraße ein Lebensmittelgeschäft besaßen. Die Urgroßeltern lebten in Bad Vöslau, und meine Großmutter fuhr zur Entbindung zu ihren Eltern, was damals üblich war.

Meine Großmutter war sehr fromm. Sie hielt alle Traditionen und betete jeden Tag. Ich sehe die Großmutter noch mit dem Gebetbuch vor mir: sie betete in der Früh als auch am Abend. Auch nach dem Krieg führte sie in Wien noch einen koscheren Haushalt, mischte milchig und fleischig nicht, aber sie ging nicht in den 2. Bezirk einkaufen, das wäre ihr zu mühsam gewesen. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1956 blieb sie eine fromme Frau.

Über den Großvater Michael Wollmann weiß ich eigentlich nichts. Mein Onkel Alexander, den ich einmal nach seinem Vater befragte, sagte: ‚Den Vater hat man nicht gefragt, denn er war eine Respektsperson. Wenn er nichts erzählt hat, hat man ihn auch nicht gefragt.’ Der Großvater starb 1918 im Alter von 51 Jahren an der Spanischen Grippe. Die Brüder meiner Mutter waren schon erwachsen, meine Mutter war damals fünfzehn Jahre alt. Sie besuchte eine Haushaltsschule mit einer Schneiderausbildung und arbeitete dann gemeinsam im Lebensmittelgeschäft mit ihrer Mutter und Onkel Alexander. Eugen besaß ein eigenes Lebensmittelgeschäft auf der Wiedner Hauptstrasse und war mit Alma Kobler verheiratet. Sie hatten eine Tochter Johanna, die 1927 oder 1928 in Wien geboren wurde. Die Familie floh nach Chile. Was mein Onkel in Chile arbeitete, weiß ich nicht genau. Ich glaube, er besaß wieder ein Lebensmittelgeschäft. Johanna wurde in Chile zu Juana. Sie heiratete Franz Müller, einen deutschen Juden, und hat zwei Kinder, Thomas und Doris, und alle haben Kinder und Enkelkinder. Thomas heiratete Marta Ramirez und hat Kinder, Doris heiratete Jaime Farji und hat ebenfalls Kinder.
Anfang der 1970er-Jahre, als Salvador Allende [8] zum Staatspräsidenten Chiles gewählt wurde, kam die Familie aus Chile nach Wien, da sie sich bedroht fühlte. Wir sehen das anders, und ich kann mit ihnen auch nicht diskutieren, denn der Sozialismus dort wäre ein anderer als hier gewesen - er hätte kommunismus- und diktaturähnliche Züge gehabt. Davor hatten sie Angst. Sie transferierten ihr Geld nach Amerika und kamen nach Wien. Der jüngste Bruder meines Cousins Johnny, Andreas Ungar, ging in Wien aufs Gymnasium und absolvierte danach auf Geheiß seines Vaters das Konditorfach in der berühmten Wiener Konditorei ‚Demel’. Ich glaube, sie gingen 1980 zurück nach Chile. Dort eröffneten sie eine Konditorei mit dem Know How vom ‚Demel’, und Andy besitzt heute bereits zehn Konditoreien mit bester Wiener Qualität in Chile. Fredi absolvierte in Wien die Hotelfachschule und studierte dann Fremdenverkehr. Johnny war schon gelernter Diplomkaufmann und wurde später selbständig. Fredi heiratete eine Israelin und übersiedelte vor ungefähr 15 Jahren aus Chile nach Israel, wo er als Fremdenführer lebt. Eugen aber war schon alt und krank und starb 1972 in Wien.

Meine Eltern wurden in Wien einander vorgestellt. Mein Onkel Alexander kannte jemanden, der meinen Vater kannte, und so trafen sie einander. Nachdem meine Mutter keinen Vater mehr hatte, führte mein Onkel die ‚Verhandlungen’, dabei ging es unter anderem auch um die Mitgift. Meine Eltern heirateten am 11. Februar 1934. Am 11. Februar 1934 gab es einen Aufstand [9], Kämpfe im Karl-Marx Hof. Das war der Aufstand der Sozialisten, also ein prägnanter Tag. An diesem Tag haben meine Eltern im Hietzinger Tempel, in der Eitelbergergasse, geheiratet.

Die Hochzeitsreise ging zum Semmering, ins Hotel ‚Panhans’. Nur neun statt 14 Tage verbrachten sie dort, weil mein Vater es nicht so lange aushielt und nach Hause wollte. Mein Vater fuhr auch nach dem Krieg nicht viel umher. Er sagte immer: ‚Ich habe so viel Zeit am Land verbracht, ich brauch nicht aufs Land fahren, um mich zu erholen.’ Er wäre gern einmal nach Paris und in andere Weltstädte gefahren, aber im Alter war er krank und finanziell nicht so gut gestellt, darum konnte er sich diesen Wunsch nicht erfüllen. So nur zum ‚Erholen fahren’, das war nicht seine Sache. Meine Mutter war bei ihrer Hochzeit fast neunundzwanzig Jahre alt, für damalige Verhältnisse war sie wirklich eine alte Braut. Als junges Mädchen war sie allein nach Venedig und ans Meer nach Abbazia [heute: Kroatien] gefahren, das war damals sicher emanzipiert.

Nach der Hochzeit zog meine Mutter zu meinem Vater und seiner Familie nach Laa.
Mein Vater, sein Bruder Ernst und der Großvater arbeiteten mit dem Großvater als Pferde - und Fruchthändler, und meine Mutter und die anderen Frauen der Familie führten den Haushalt. Sicher war das kein einfaches Leben, das meine Mutter unter dem Regime ihrer Schwiegermutter führte.

Wahrscheinlich wurde ich im Hotel ‚Panhans’ gezeugt, denn die Hochzeit war im Februar, und ich wurde am 23. Dezember 1934 als einziges Kind meiner Eltern in Wien, im Rudolfinerhaus geboren, denn in Laa wurde nicht entbunden. Meinen jüdischen Namen Mindl erhielt ich nach dem Namen meiner Urgroßmutter Hermine Hauser.

Die ersten vier Jahre meines Lebens, verbrachte ich im Kreise meiner väterlichen Familie. Ich heiße Kitty, weil mein Vater einmal eine Freundin hatte, die Tänzerin war - er liebte Tänzerinnen – und die Kitty hieß.

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Volksschulzeugnis von Kittys Vater Karl Drill aus dem Jahr 1921

An die ersten Jahre kann ich mich nicht mehr so gut erinnern. Aber ich weiß, dass am Schabbat immer zum Abschluss die Havdala, der Segen über die Kerze, gesprochen wurde, und ich erinnere mich an die herrlich geflochtene Kerze.

Vor dem Krieg schlachtete der ganz normale Fleischerhauer in Laa das Fleisch koscher. Das weiß ich aus Geschichten von Verwandten. Der Großvater war angeblich nicht sehr belesen, er war kein Bibelforscher, aber er befolgte alle Regeln, die er von seinen Eltern übernommen hatte. Ich erinnere mich noch an mein Gitterbett; jeden Abend kam er an mein Bett und betete mit mir. Als mein Großvater 1941 auf Mauritius starb, war ich sechs Jahre alt.

Die finanzielle Situation meiner Eltern damals war eigentlich recht gut, denn sie hatten ein Auto - das war zu dieser Zeit nicht selbstverständlich - sie hatten Angestellte, zwei Häuser, Felder, Grundstücke, es gab sogar Schmuck. Meine Großmutter in Wien besaß ein Lebensmittelgeschäft. Ich würde nicht sagen, dass sie reich waren, aber von arm kann nicht die Rede sein. Wir hatten sogar ein Wohnhaus mit fließendem Wasser und einem Badezimmer. Als meine Mutter nach Laa kam, kamen Verwandte, die kein Badezimmer hatten, immer zu ihr zum Baden. Der Badeofen wurde noch mit Holz geheizt, aber so ein Badezimmer war etwas Besonderes.

Im Geschäftshaus gab es auch ein Wohnzimmer mit einer Küche, wo sich immer die ganze Familie traf. Wir hatten einen Hund, einen Bernhardiner, der hieß Barry. Eigentlich mag ich Tiere nicht besonders, aber den Barry mochte ich sehr. An ein Dienstmädchen erinnere ich mich auch, das mich sehr gern hatte. Hinter dem Haus war ein großer Hof mit Stallungen. Es gibt ein Foto, auf dem wir im Hof sitzen und meine Mutter strickt. Sie hat sehr gern genäht und gestrickt. Erna, die Cousine meines Vaters, die auch in Laa mit ihrer Familie gelebt hat und dann nach England emigriert war, kam nach dem Krieg oft nach Wien. Sie erzählte mir, dass sie einmal vormittags am Geschäftshaus vorbeiging und meine Großmutter gerade aus dem Fenster schaute und rief:
‚Erna!’
‚Tante Gisela, was machst du heute?’
‚Ich tu kochen.’
‚Und was tust du am Nachmittag?’
‚Wir werden beim Fenster rausschauen’ und Erna sagte daraufhin:
‚Gut, ich komme auch!’
Also das war die Beschäftigung vom Samstagnachmittag oder Sonntagnachmittag. Man schaute aus dem Fenster heraus und unterhielt sich mit Vorübergehenden.

Gebetbücher gab es, das weiß ich. Ob es Romane gab, weiß ich nicht, ich war noch zu klein. Mein Vater las immer die Zeitung, meine Mutter las in Büchern. Ich denke mir, dass meine Eltern vor dem Krieg zusammen in Wien ins Theater gingen, aber ich war zu klein, um eine Erinnerung daran zu haben.

Die Großeltern fuhren, wenn sie überhaupt irgendwohin fuhren, zur Kur nach Baden, aber da waren ihre Kinder bereits erwachsen. Wirklich reisen, in andere Länder, konnten sie nicht. Dafür waren meine Eltern und Großeltern nicht reich genug, das war eine andere Verdienstklasse, die reiste. Wenn meine Großeltern nach Baden fuhren, oder Verwandte besuchten, blieben sie auch nur für ein paar Tage, aber so genau weiß ich das auch nicht.

Im Jahre 1938, nachdem die Deutschen in Österreich einmarschiert waren, mussten wir aus Laa nach Wien ziehen, denn die Juden aus den Bundesländern wurden in Wien versammelt. In Wien gab es Familie und Freunde meiner Eltern, ich erinnere mich noch an die vielen Cousins und Cousinen. Zuerst wohnten wir, meine Großeltern väterlicherseits, meine Großmutter mütterlicherseits und meine Onkel Ernst und Alexander, im 2. Bezirk in der Praterstrasse, ganz in der Nähe des Durchgangs zur Czerningasse. Die Wohnung war groß und komfortabel. Da sie zu teuer war, zogen wir dann alle in eine kleinere, billigere Wohnung in der Czerningasse. Meine Großeltern und ich schliefen gemeinsam in einem Zimmer, wo die anderen schliefen, weiß ich nicht. In der Wohnung gab es auch einen großen Raum voller Kisten, die verschifft werden sollten, und dort kletterte ich oft mit einem Cousin, der Richard Eisinger hieß, und meiner Cousine Inge auf den Kisten herum. Hausrat, Geschirr und Bettzeug waren in den Kisten verpackt, Möbel und Bilder mussten wir in Laa zurücklassen.

Ich habe immer aus dem Fenster geschaut und auf meinen Vater und den Onkel Ernst gewartet, die damals irgendwo arbeiten mussten und nachmittags mit der Straßenbahn nach Hause kamen. Solche Straßenbahnen kann man heute nur noch im Straßenbahnmuseum besichtigen. Erinnern kann ich mich auch daran, dass ich mir beim Spielen mit anderen Kindern in der Czerningasse Läuse eingefangen habe. Das hat schrecklich gejuckt und meine Mutter kämmte mir die Haare mit diesem speziellen Kamm, den man Staupier nennt.

Wenn ich mit meinem Vater oder Großvater unterwegs war, durfte ich bei Ansammlungen nie stehen bleiben. Es gab Militärparaden, da sah man zu, dass man nicht dabei war oder möglichst nicht auffiel. Einmal kam meine Mama nach Hause und erzählte, dass Juden den Gehsteig säubern mussten und sie gerade noch daran vorbeigekommen war. Man durfte als Jude nicht mehr in die meisten Parkanlagen, auch nicht in den Prater. Liese, die Tochter von Michael und Lotte Eisinger, war sehr hübsch, ungefähr 20 Jahre alt und sah überhaupt nicht jüdisch aus. Sie ging mit mir schon vor 1938 ins Kino, und wir sahen einen Film mit Shirley Temple - das war mein erster Kinofilm. Liese ging, trotz Verbot für Juden, mit mir in den Prater Ringelspiel fahren. Ich wusste natürlich nicht, dass wir etwas Verbotenes tun. Alle waren glücklich, als wir wieder gesund zurück waren. Mit meinem Vater waren meine Cousine Inge und ich auch gemeinsam im Prater, aber da hat uns niemand erkannt. Mein Großvater ging einmal mit mir auf der Hauptallee im Prater, da wurden wir aber verjagt, daran erinnere ich mich, ich war damals fünf Jahre alt. Ich habe mit einer gewissen Angst gelebt, aber ich verstand natürlich nicht, was da los war.

Meine Eltern und Onkel haben versucht, eine Möglichkeit zur Flucht aus Österreich zu finden - Einreisezertifikate in andere Länder zu bekommen. Aber nachdem wir acht Personen waren, gelang es nicht. Am leichtesten hätten mein Onkel Alexander und Onkel Ernst ein Permit [10] nach England bekommen, sie waren noch Junggesellen. Aber die Familie hatte beschlossen, zusammen zu bleiben. Es hätte vielleicht auch für meine Eltern und mich eine Möglichkeit gegeben, aber für die Großeltern nicht.

Die meisten der Familie meiner Mutter waren nach Chile geflüchtet, ohne meine Eltern von ihrem Vorhaben zu unterrichten. Erst als sie alles unter Dach und Fach hatten, haben sie von ihrer bevorstehenden Reise erzählt. Mein Vater warf es ihnen nie vor, aber er verzieh es ihnen auch nicht. Ich sehe das heute anders, denn ich glaube, jeder dachte zuerst an sich und seine Familie. Und sie haben, so wie wir, die Großeltern mitgenommen. Die alten Menschen waren ein großes Problem bei der Flucht, denn kein Land wollte sie haben. Ich glaube, ab Anfang Fünfzig galt man damals als alt. Einige unserer Verwandten ließen ihre Eltern in Wien, die dann in den KZs umkamen.

Letztendlich verließen wir Wien alle gemeinsam illegal auf einem Schiff die Donau abwärts bis ins Schwarze Meer. Mit uns waren Erna Hauser und ihre Tochter Inge. Emil Hauser, Inges Vater, war ja schon in Palästina und wartete dort auf Frau und Tochter. Im rumänischen Donauhafen Tulcea wurden wir auf die ‚Atlantik’ in Richtung Palästina umgeschifft. Was ich später über diese Reise gelesen habe, war, dass rund 3.500 Flüchtlinge aus Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei, die Anfang September 1940 auf vier Schiffen ihre Reise Donau abwärts antraten, auf drei Hochseedampfer umgeschifft wurden. Es herrschte großer Platzmangel. Die ‚Atlantik’, die höchstens 150 Passagiere hätte aufnehmen können, fuhr mit 1.800 Menschen los. Unter dem Deck hatten wir eine selbstgezimmerte Koje, da waren wir alle acht untergebracht. Die Koje hatte ein Dach, war aber irgendwie auch offen. Ich ging auf dem Schiff herum, mein Onkel Alexander arbeitete in der Küche, und ich besuchte ihn dort manchmal. Obwohl ich damals fast sechs Jahre alt war, erinnere ich mich nur an bestimmte Dinge. Das Schiff brauchte Heizmaterial, es wurden die Maste abgesägt, um zu heizen. Ich war sehr viel krank, und meine Mutter brachte mich zum Schiffsarzt. Ich erinnere mich an meine Waschschüssel aus Wien und meinen Nachttopf.

Hunger hatte ich nie. Es ist möglich, dass ich wenig zu essen hatte, aber ich hatte nie Hunger. Alle Erwachsenen kümmerten sich um mich, ich war ja das einzige Kind der Familie. Woran ich mich aber erinnere, sind Wasserbegräbnisse. Man versenkte die Verstorbenen ins Wasser.

Im Herbst 1940 kamen die Schiffe im Hafen von Haifa an. Die Engländer wollten uns nicht, und die Schiffe standen im Hafen. Man sagte, dass die Passagiere der ‚Atlantik’, die nun ein verwahrlostes, schmutziges Wrack war, auf die ‚Patria’ gehen sollten, um sich dort zu waschen. Zuerst sollten die Mütter und Kinder hinüber. Meine Mutter aber sagte: ‚Wir bleiben beisammen! Wir waren bisher beisammen, und wir bleiben beisammen!’ Und sie ist mit mir nicht hinüber auf die ‚Patria’ gefahren. Aber Erna mit ihrer Tochter Inge fuhr hinüber. Sie schafften es, sich von der sinkenden ‚Patria’ [11] zu retten, die von der Haganah [12] durch zuviel Sprengstoff gesunken ist, obwohl sie nur verhindern wollten, dass das Schiff nach Mautitius, einer englischen Kolonie, mit den Geflüchteten geschickt wird. 200 Leute ertranken, Richard Eisinger, mit dem ich in Wien in unserer Wohnung gespielt hatte und seine Mutter waren darunter.

Erna und Inge durften dadurch, dass sie auf der Patria waren und beinahe ums Leben gekommen wären, in Palästina bleiben, während meine Familie nach zehn Tagen im Internierungslager in Atlith hinausgetrieben und nach Mauritius weiter geschickt wurde. Das Lager wurde von jüdischen Aufpassern bewacht. Ich erinnere mich, wie sie in unsere Hütte kamen und sagten: ‚Ihr müsst jetzt die Baracke verlassen’, aber mit den Händen deuteten sie uns, wir sollen liegen bleiben. Die Frauen zogen sich nackt aus, blieben liegen und leisteten so Widerstand, aber das half nichts. Um das Lager war Stacheldraht, hinter dem Stacheldraht waren die Überlebenden der Patria, und wir konnten der Inge und ihrer Mutter zum Abschied winken.

Unser Schiff von Haifa nach Mauritius hieß ‚Neuseeland’. Ich erinnere mich, dass ich auf dem Schiff sechs Jahre alt wurde. Ich war krank, lag in der Kabine und hatte starkes Nasenbluten. Zu dieser Zeit hatten wir den Äquator erreicht, und mein Vater kam zu mir und sagte: ‚Jetzt wirst du gleich den Rucker spüren’, und sie versuchten mir zu erklären, was der Äquator ist.

Bis zu dem Zeitpunkt, als ich durch ältere Leute und durch mein Erwachsenwerden begriff, was das alles bedeutete, war mir die Situation, in der sich die Leute auf Mauritius befanden, überhaupt nicht bewusst - ich wuchs da einfach hinein. Wir lebten unter englischer Aufsicht viereinhalb Jahre in einem Lager. Frauen und Männer waren getrennt. Die Camps waren durch Mauern getrennt. Am Anfang durften sich die Männer und Frauen nur zeitweise sehen. Das Lager verlassen konnte man zuerst nicht, später aber mit einem Passierschein, den man von Zeit zu Zeit bekam. Tagsüber durften sich die Männer und Frauen im Lager relativ frei bewegen, und es wurden auch Kinder dort geboren.

Die Frauen und die Kinder waren in Wellblechbaracken untergebracht, in denen 25 bis 30 Betten nebeneinander standen, über die Moskitonetze gespannt waren. Ich schlief mit meiner Mutter in einem Ehebett, unsere Beziehung zueinander war sehr eng. Meine Mutter hatte eine wunderbare Stimme und sang mir oft etwas vor, auch Opernarien sang sie. Daran erinnere ich mich sehr gut. Die Liebe zur Musik habe ich von meiner Mutter geerbt.

Die Männer waren in Steinhäusern, dem ehemals von Napoleon errichteten Gefangenenlager, untergebracht. Das Frauenlager wurde später abgerissen, das Gefängnis, in dem Männer untergebracht waren, ist noch heute ein Gefängnis.

Für uns Kinder war das Leben im Lager lustig. Ich war ein Einzelkind, aber diese viereinhalb Jahre war ich nie allein. Am Abend, wenn wir niedergelegt wurden, saßen die Frauen um einen Tisch und tratschten darüber, wer mit wem zusammen ist, wer heiratet und wer ein Kind bekommt. Wir Kinder, natürlich noch völlig unaufgeklärt, stellten uns dann immer schlafend und versuchten etwas von den Gesprächen mitzubekommen.

Im Lager gab es eine Schule. Es gab Lehrer, die entweder Lehrer waren oder Menschen, die gut mit Kindern umgehen konnten. Sogar Klavierunterricht hatte ich eine zeitlang auf Mauritius. Die Klavierlehrerin, die wir sehr gern hatten, starb dann aber leider an Kinderlähmung. Ich war eine recht gute Schülerin, und ich glaube, wenn ich nicht so viele Schulen in so vielen Ländern besucht hätte, wäre ich es auch geblieben. Es gab zwei Synagogen, eine liberale und eine fromme. Dr. Bieler, mein Religionslehrer auf Mauritius, hat mich sehr geprägt. Er hat uns die biblische Geschichte anschaulich und interessant erzählt. Wir Kinder waren gern bei den Gottesdiensten, und besonders gerne gingen wir zu den Hochzeiten.

Herr Grau spielte mit uns Kindern Theater. Ich bekam die Hauptrolle in dem Stück ‚Die Prinzessin und der Schweinehirt’ nach einem Märchen von Hans Christian Andersen. Im Unterschied zu Andersens Märchen ging unser Märchen gut aus, zum Schluss kamen sie zusammen. Ich als Prinzessin, und mein Partner der Schweinehirt, saßen in der Endszene auf einem Thron und er sagte: ‚Endlich allein’, woraufhin das Publikum schrecklich lachte. Ich verstand damals natürlich überhaupt nicht, warum die Leute so lachen. Die Musik und die Lieder kann ich heute noch. Die Kinder von Herrn Grau - er hat fünf Kinder - leben in Israel, und ich wundere mich, dass sie diese Melodien und Texte nicht vermarkten, das wäre ein wunderbares Kindermusical!

Mein Partner von damals, der Schweinehirt, war meine erste Liebe. Er war elf, und ich war zehn. Ich traf ihn bei einem Mauritiustreffen, und bin jetzt noch mit ihm in Kontakt. Er lebt in Jerusalem, und wir rufen uns zu den hohen Feiertagen immer an. Und als wir uns das erste Mal wiedersahen, sagte er: ‚Na Kitty, was hast du die letzten 50 Jahre gemacht?’ Leider ist er jetzt schwerhörig, und es ist schwer, mit ihm zu kommunizieren. Aber wir haben uns alle nicht vergessen. Ein Anderer komponierte Lieder für uns. Noch heute kann ich diese Lieder. Kein Wunder also, dass ich das Leben dort auf Mauritius positiv erlebte.

Einige Frauen der Insel organisierten im Lager für die Kinder einen Pfadfinderclub. Wir bekamen Uniformen, lernten den Schwur der Pfadfinder, es gab Prüfungen, zum Beispiel Lagerfeuer selber entzünden, einen Knopf annähen oder Kompott herstellen. Auch Ausflüge ans Meer machten wir. Die Eltern schauten immer darauf, dass es den Kindern gut geht. Manchmal streichelten mir alte Menschen über den Kopf und sagten: ‚Du sollst das in Freuden erzählen können!’ Und wenn ich es in Freuden erzähle, kommen mir gleich die Tränen.

An Hunger kann ich mich auch da überhaupt nicht erinnern, denn ich hatte nie Hunger. Allerdings glaube ich, dass man vom Lageressen allein nicht richtig satt wurde. Meine Familie führte ein ‚Kaffeehaus’. Es war in einer Wellblechbaracke, in der Tische, Stühle und eine Tischtennisplatte standen. Meine Großmutter Gisela kochte, sie war eine phantastische Köchin. Es gab Hühnersuppe - die Nudeln machte sie selber -, und ich sehe noch vor mir, wie sie immer 14 Eier für die Nudeln nahm und dann die Nudelsuppe kochte, mit der sogar die Babys gefüttert wurden. Sie machte auch Semmelknödeln, die sie mit Cornedbeef füllte, oder es gab Guavenknödel. Guaven sind eine Frucht, so ähnlich wie Mango, und die Großmutter stellte Marillenknödel ohne Marillen, eben mit diesen dort wachsenden Guaven her. So verdiente meine Familie Geld. Mein Vater und mein Onkel arbeiteten außerdem mit einem Chinesen zusammen, brachten Obst ins Lager und verkauften es.

Es gab auch Werkstätten, zum Beispiel eine Schneiderei mit Nähmaschinen, die man mit der Hand betrieb. Meine Mutter nähte dort Kleider für mich, und es gab eine Spenglerei mit Lötkolben, die im Kohlefeuer erhitzt wurden, und aus Konservedosen wurde Geschirr hergestellt. Eine Hilfe waren auch Pakete, die wir von unseren Verwandten aus Australien bekamen.

Es gab aber auch Leute in dem Lager, die nicht so geschickt waren und keine Hilfe von außen bekamen, an der Hitze litten, an Krankheiten - zum Beispiel an der Malaria - starben oder allein waren und nicht wussten, ob ihre Angehörigen noch am Leben sind. Dann war das Leben dort natürlich sehr tragisch. Zwei oder Drei haben sich sogar umgebracht. Auch die japanische Gefahr [13] war da. Ich erinnere mich, manchmal war es möglich Radio zu hören und Zeitungen zu lesen, dass es nicht ausgeschlossen war, dass die Japaner in Mauritius einfallen könnten. Das war eine richtige Kriegsbedrohung! Wir Kinder wussten, dass Krieg ist, und wir hatten immer ein wenig Angst. Trotzdem war Mauritius ein Sanatorium gegenüber einem Konzentrationslager.

Mein Großvater wurde krank und starb am 17. März 1941 auf Mauritius. Er war schon eine Weile kränklich, er hatte Herzbeschwerden. Die Mama fuhr zu seinem Begräbnis. Ich spielte im Lager mit den Kindern, und sie winkte mir noch aus der Ferne. Ich wusste, sie fährt aufs Begräbnis. Der Friedhof, auf dem mein Großvater begraben liegt, wurde einmal durch Zyklone zerstört. Aber es gibt auf Mauritius einen Verein mit dem Namen ‚Amical Moris Israel’, der cirka 300 Mitglieder hat, die sich unter anderem um den Friedhof kümmern. Das sind keine Juden, denn auf Mauritius gibt es nur drei jüdische Familien.

Natürlich war und blieb unser Ziel Palästina! Im Jahre 1945 wurden die Lager geräumt, und die Engländer ließen uns endlich nach Palästina einreisen. Wir wollten in die Nähe von Tel Aviv, weil eine der vielen Cousinen meines Vaters in Tel Aviv lebte. In Rechovot, wenige Kilometer von Tel Aviv entfernt, wurden wir vier Wochen zur Erholung von Wizo-Frauen aufgenommen. Jeder kam in einen anderen Haushalt, in einem Shikun - einer Siedlung -, alle nebeneinander. Ich war bei russischen Juden untergebracht, der Vater der Familie war Autobuschauffeur.

Bevor wir Wien verlassen hatten, hatten wir die neunzehn Kisten und Koffer, auf denen ich in unserer Wohnung in der Czerningasse mit meinen Cousins und Cousinen gespielt hatte, mit unserem Hab und Gut nach Palästina geschickt. In den Kisten war Bettzeug, Kristall und Tischgedecken, die die Frauen der Familie ja massenhaft gestickt hatten. All die Jahre, die wir auf Mauritius waren, hatte sich eine Cousine meines Vaters um unsere Sachen gekümmert und 1945, als wir von Mauritius kamen, haben wir 17 von den 19 Gepäckstücken bekommen und konnten ab und zu etwas verkaufen, um unser Leben zu finanzieren.

Meine Familie fand eine Wohnung in Rechovot, und ich ging wieder in die Schule. Ich glaube, ich hätte in die fünfte Klasse kommen sollen, wurde geprüft und kam erst einmal in die vierte Klasse. Ich war in Palästina als Ole Chadasch, das bedeutet Neueinwanderer, privilegiert, und ich hatte Freunde, die mich sofort akzeptierten. Die Wohnung in Rechovot lag im jemenitischen Viertel und war nicht besonders komfortabel. Meine Familie zahlte eine Wohnung in Holon an, die gerade gebaut wurde. Einige Monate später war das Haus fertig gebaut, und die ganze Familie übersiedelte. Mein Vater und mein Onkel Ernst arbeiteten schwer als Schichtarbeiter in einer Fabrik der Engländer, und meine Mutter musste nun zu Leuten flicken gehen, um Geld zu verdienen. Als sie das erste Mal zur Arbeit ging, weinte sie und mein Papa weinte auch, denn dass seine Frau arbeiten gehen musste, das war schrecklich für ihn. Das bedeutete für beide den sozialen Abstieg.

Gegen Ende des Schuljahres unternahmen wir Neueinwanderer einen Sommerkurs und lernten den Unterrichtsstoff der 5. Klasse. Ich war gut im Unterricht, man bekam aber keine Noten, es hieß ‚durchgekommen’, ‚nicht durchgekommen’, oder ‚durchgekommen mit Nachprüfung’. Den Neueinwandern wurde viel nachgesehen. Nach dem Schuljahr durfte ich die 6. Klasse besuchen. Mein Lehrer in Holon hieß Ariel, den mochte ich sehr. Auch die Lehrerin Dinah mochte ich sehr. Die Lehrer in Palästina durfte man beim Vornamen nennen, das schaffte eine sehr gute Atmosphäre.

Die Jugendlichen waren organisiert, und ich wurde von der Klasse angehalten mitzumachen, aber mein Vater sagte immer, ich soll lieber nicht gehen. Es gab die Haganah, und meine Eltern hatten Angst, dass ich bei Lagerfeuern mit Kartoffelbraten in eine bestimmte politische Richtung agitiert werde. Sie passten immer auf, dass ich ja nicht zu sehr in irgendetwas hinein gezogen werde, noch dazu, wo mein Vater sicher schon von Anfang an im Kopf hatte, nach Österreich zurückzukehren. Meine Mutter wollte nicht nach Österreich zurück, denn sie wollte nicht, dass ich in Österreich aufwachse. Es war die Einstellung meiner Eltern damals, sich nicht zu sehr zu öffnen, sich lieber anzupassen, denn man muss ja nicht jedem erzählen, wer man ist. Ich bin zwar ein offener Mensch geworden, aber auch ich mache keine Reklame damit, jüdisch zu sein. Wenn es sich ergibt, sage ich es, aber ich würde das nie in den Vordergrund stellen. Ich würde auch nie jemandem meine Meinung aufdrängen.

Onkel Ernst war die treibende Kraft, dass wir wieder nach Österreich zurückgingen. Als wir Palästina verließen, begann ich gerade, ohne Punktierung lesen zu können. Auch die Familie Hauser - Emil, Erna und die Tochter Inge - gingen 1947 nach Österreich zurück. Familie Hauser wohnte wieder in Hollabrunn und Emil war wieder Viehhändler. Inge zog nach ihrer Heirat nach Wien.

In Österreich hatte unsere Familie noch Besitzungen - Häuser und Äcker - und es gab den Plan, dass der Onkel und die Großmutter vorfahren und erst einmal alles anschauen.
Aber dann starb meine Mutter an Krebs. Als die Ärzte den Krebs erkannten, lebte sie noch drei Wochen. Meine Mutter war eine von fünf Leuten, die auf Mauritius keine Malaria hatten, und dann starb sie mit 42 Jahren an Krebs. Begraben wurde sie in Nachlad Yzchrak, in der Nähe von Holon. Ich war nicht auf ihrer Beerdigung, ich wollte nicht. Es war furchtbar für mich, ohne meine Mutter zu sein. Meine Großmutter Gisela hatte kurz vorher einen Schlaganfall, das war im Dezember 1946. Sie war tagelang bewusstlos. Meine Mutter starb im März 1947, und ich sehe noch vor mir wie meine Großmutter geschrieen hat:
‚Warum nicht ich, warum nicht ich?’ Das war die Mutter meines Vaters. Meine Großmutter Rosalia, die Mutter meiner Mutter, eine liebe und gar nicht strenge Großmutter, war ganz ruhig; sie schaute nur aus dem Fenster.

Onkel Alexander, der Bruder meiner Mutter, wollte auch nicht nach Österreich zurück und emigrierte 1947 mit meiner Großmutter Rosalia von Palästina nach Chile. Wir anderen, meine Großmutter Gisela, mein Vater, Onkel Ernst und ich übersiedelten 1947 von Palästina nach Österreich. Mit dem Schiff fuhren wir von Haifa nach Alexandria. Dieses Mal hatten wir eine Kabine, und ich war seekrank. Im Hafen von Alexandria stiegen sehr schöne Frauen ein. Die wohnten oben am Deck, wir wohnten unten. Mein Vater sagte: ‚Wenn wir Israel wieder besuchen, dann werden wir auch ‚Erster Klasse’ reisen.’ Er ist nie mehr nach Israel gereist, und ich dann nicht mehr mit dem Schiff, sonder schon mit dem Flugzeug.

Von Alexandria fuhren wir nach Genua und von Genua mit der Bahn nach Wien. Ich glaube, fünf Tage dauerte die Reise. Wir fuhren mit dem Zug abends aus Genua weg und waren vormittags in Wien. Wir überfuhren am Semmering die Demarkationslinie, kamen in russisches Gebiet, und am Bahnhof hörte ich Kinder, die Tee verkauften und deutsch miteinander sprachen. Das war komisch für mich, denn die Kinder, mit denen ich zusammen war, sprachen ivrit miteinander.

Ich hatte einen Hut und einen Mantel bekommen, bevor die Reise losging. Mein Papa hatte gesagt, in Wien würde es mir gut gehen, aber es war fremd. Als es kalt wurde, wartete ich auf den Schnee, denn ich glaubte, bei Null Grad muss es schneien.

Anfangs wohnten wir bei einem Bekannten im 5. Bezirk. Das war der Pferdehändler Arnold Sagl, auch ein Jude. In Laa hatte es eine Nachbarin gegeben, die Frau Brandthuber. Ich habe sie nach dem Krieg kennen gelernt. In Laa war sie eine Persönlichkeit. Ihr Mann war Baumeister, und sie hatte sehr jung geheiratet und war dann, vor dem Krieg, die Freundin meines Onkels Ernst gewesen. Frau Brandthuber kümmerte sich sehr um mich, als ich als Zwölfjährige ohne Mutter nach Wien kam. Sie ging zum Beispiel mit mir ins Dianabad schwimmen und sorgte sich überhaupt um unsere ganze Familie. Auch die Brauereibesitzerin von ‚Hubertus Bräu’, Gülnar Hoffmann, war eine Freundin der Familie, die wir dann auch nach dem Krieg wiedertrafen. Dann gab es die Familie Prantl. Der Herr Prantl war Tierarzt in Laa, und er war der Erste, mit dem mein Vater nach dem Krieg brieflich Kontakt aufnahm. Als mein Vater starb, fand ich diesen Brief und schickte ihn an die Familie Prantl. Ein Sohn ist auch Tierarzt wie sein Vater, der andere Sohn ist Tischler. Einige Möbel in meiner Wohnung wurden von dem Tischler Prantl angefertigt.

Im Oktober kam ich nach Wien und die Frau Brandthuber aus Laa, sie hieß dann Wittmann, weil sie noch einmal geheiratet hatte, besorgte mir einen alten Professor, das war der Professor Reibenspieß, als Nachhilfe. Professor Reibenspieß gab mir ein halbes Jahr, von Oktober bis Februar, Privatunterricht. Meine Familie hatte ja immer deutsch miteinander gesprochen, aber mein Deutsch war nicht gut. Besonders die Schrift beherrschte ich nicht so gut, dass ich in der Schule hätte bestehen können. Im Februar 1948 konnte ich die dritte Klasse der Hauptschule in der Embelgasse besuchen. Den Privatlehrer hatte ich dann noch viele Jahre.

Bald ging ich schon allein durch Wien. Ich fuhr mit der Straßenbahn immer wenn ich Zeit hatte, jedes Mal in einen anderen Bezirk und ging die Straßen entlang. Oder ich lief in Schönbrunn umher, das machte ich alles mit meinen 12 Jahren allein.

Dann haben wir eine herrliche, sehr große fünf Zimmer und drei Kabinette Wohnung im 4. Bezirk, am Brahmsplatz, gemietet. Die ganze Familie blieb zusammen, wir wohnten gemeinsam in dieser Wohnung. Als mein Onkel Ernst 1949 heiratete, zog auch seine Frau Anni dazu, und als der Sohn Peter geboren wurde, wohnten wir auch noch zusammen.

Jeder wusste, dass ich aus Palästina komme, aber Antisemitismus von Lehrern oder von Mitschülern habe ich nicht direkt erlebt. Ein einziges Mal war ich mit der Schule auf einem Schikurs. Das war nichts für mich, denn damals hatten wir Holzski, die nicht einmal eine Bindung hatten, und ich war nicht sehr geschickt - ich konnte damit nicht gut fahren. Es machte keinen Spaß dieses Rutschen, bis heute vertrag ich das Rutschen unter den Beinen nicht. Eines Abends sangen die Mädchen auch noch Lieder aus der Nazizeit. Da hatte ich ein sehr ungemütliches Gefühl. Aber was ich nicht weiß, ist: sangen sie die Lieder, weil sie sie eben kannten oder weil ihnen die Ideologie gefiel. Diskutiert habe ich sicher nicht mit denen, dafür war ich viel zu schüchtern und dumm. Außerdem hatte ich zu Hause gelernt: ‚Lass dich auf keine Debatten ein!’ Ich hatte aber auch einige Freundinnen in der Klasse, die nicht mitsangen.

Onkel Ernst heiratete nach dem Krieg Anni Holzer aus Reichenau an der Rax, die 1920 geboren wurde. Anni ist ein Zwilling und lebt heute als Witwe mit ihrer Schwester Edith zusammen in Wien. Die Schwestern arbeiteten bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz im Rothschildspital. Ihre Eltern und ersten Ehemänner gingen ins Gas. Anni heiratete meinen Onkel Ernst am 4. August 1949. Ihr Sohn Peter Drill wurde 1950 geboren. Nach dem Krieg wurde Anni chirurgische Schwester im Spital und Edith in der Fürsorge und Kassa der Israelitischen Kultusgemeinde. Peter Drill heiratete Serap aus der Türkei, die zum Judentum übergetreten ist. Sie leben aber kein religiöses Leben.

Unsere Besitzungen in Laa haben wir zurückbekommen. Mein Vater, Onkel Ernst und Arnold Sagl wurden Kompagnons und waren wieder Pferdehändler. Herr Sagl hatte ein Pferdegeschäft in Wien. Mein Vater und Onkel Ernst mieteten in Laa einen Stall, hatten wahrscheinlich wieder ihre ehemaligen Kunden von vor dem Krieg und begannen wieder mit dem Pferdehandel. Die halbe Woche war mein Vater in Laa, und die andere Hälfte der Woche war Onkel Ernst in Laa. Sie hatten in einem Gasthaus, das damals Stimson hieß, ein Kabinett gemietet, in dem sie, wenn sie in Laa waren, wohnten. Im Hof des Gasthauses war der Stall und der Stallbursche, der die Pferde betreute. Er übernachtete bei den Pferden, das war damals üblich.

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Visitenkarte der Brüder Karl und Ernst Drill - beide lebten zu diesem Zeitpunkt in Wien, führten das Geschäft in Laa fort

Mein Onkel hatte ein Auto, mein Vater fuhr immer mit dem Zug. Obwohl er einen Führerschein besaß, wollte er kein Auto chauffieren. Der Onkel kaufte meistens die Pferde in Wels. Mein Vater und er gingen zusammen in Wien in den Stall, der im 5. Bezirk war und dem Herrn Sagl gehörte, und sahen sich dort die gekauften Pferde an. Manche Pferde blieben dann in Wien, manche kamen nach Laa in den Stall. Es gab dann noch einen Kompagnon, der hieß Herr Holler. Der Sohn dieses Herrn Holler blieb im Pferdegeschäft, und ich habe gehört, er oder seine Nachkommen sind heute noch Pferdetransporter. 1960 gingen die Geschäfte so schlecht, dass sie verkaufen mussten. Mein Vater und Onkel Ernst hatten nichts modernisiert, sie hätten vielleicht auf Reitpferde umsteigen können, aber sie hatten weiterhin Nutzvieh.

Daraufhin verkauften sie Schlachtvieh und am Naschmarkt Zwiebeln und Knoblauch. Mein Papa schnitt außerdem den Pferden, bevor sie geschlachtet wurden, die Schweife ab und handelte mit Rosshaaren. Damals gab es noch Bürstenbinder, die echtes Rosshaar verwendeten. Das Haar vom toten Tier ist schlechter als das Haar vom lebenden Tier. Aber einem Pferd den Schweif abschneiden ist gefährlich, denn es kann ausschlagen. Wirklich gut ist es meinem Vater nicht mehr gegangen.

Ich war immer mit meiner Großmutter zu Hause. Fernsehen gab es nicht, wir hörten viel Radio, ich erinnere mich, um viertel 9 war immer ‚Das Hörspiel’. In meiner Erinnerung waren das gute Stücke. Meine Großmutter Gisela und ich gingen oft ins Kino. Als ich dreizehn, vierzehn Jahre alt war, gingen wir drei bis vier Mal in der Woche ins Kino. Ich sekkierte sie immer: ‚Oma, komm ins Kino, gehen wir ins Kino’. Ins Theater wurde ich von meinem Vater und Onkel Ernst mitgenommen, in die Oper ging ich auch mit meinem Vater und meinem Onkel, aber auch sehr oft allein. Mein Onkel Ernst ging jede Woche einmal ins Theater, und alle vierzehn Tage nahm er mich mit ins Burgtheater, ins Theater an der Josefstadt und das Volkstheater, das alles konsumierten wir damals.

Mein Papa ging schon in der Früh ins Kaffeehaus ‚Kremser’, das am Ring bei der Oper war. Er nahm ein Getränk vor dem Mittagessen, zum Mittag kam er nach Hause, nachmittags ging er wieder ins Kaffeehaus, dann entweder ins ‚Kaisergarten’ am Ring, später gab es das Kaffee ‚Carlton’, das wurde dann sein Stammkaffe. Wenn ich meinen Vater sehen wollte, musste ich ins ‚Carlton’ gehen. Im Kaffeehaus wurde wenig konsumiert, man trank nur Kaffee. Er ging auch ins Kaffeehaus, um Frauen kennen zu lernen, und am Wochenende ging mein Vater dann mit seiner jeweiligen Freundin in ein Wirtshaus essen, und danach gingen sie ins Kaffeehaus oder in eine Bar. Man ging auch zum ‚12 Uhr Tee’ zum Beispiel ins ‚Parkhotel’ in Hietzing oder in den ‚Kursalon’ ging man zum 5 Uhr Tee. Im Sommer fuhren wir oft zum Cobenzl, dort war eine Liegewiese und um 6 Uhr fuhren wir dann zum Heurigen, da war aber meine Großmutter schon gestorben. Das Essen nahm man mit, das war noch der Ur- Heurige. Die Frau von Onkel Ernst hatte immer haufenweise Schnitzeln gebraten, die wir mitnahmen, und dazu wurde heuriger Wein getrunken. Oft waren wir beim ‚Mayr am Pfarrplatz’, das ist ein bekannter Heuriger. Wir bestellten Getränke, aßen unsere Schnitzeln, das war immer ein billiges Vergnügen. Mein Vater hatte immer wieder Beziehungen zu Frauen, die vier bis fünf Jahre bestanden, aber da er meinetwegen nicht mehr heiraten wollte, gingen die Beziehungen auseinander. Außerdem waren das immer Nichtjüdinnen, und er hätte nie eine Frau geheiratet, die keine Jüdin ist.

1949 kamen mein Onkel Alexander und meine Großmutter Rosalia aus Chile nach Wien - sie hatten sich in Chile nicht einleben können. Sie nahmen sich eine Wohnung im 7. Bezirk, in der Neubaugasse. Die Wohnung lag im dritten Stock und hatte keinen Lift. Das Geschäft der Großmutter war arisiert worden und existierte nicht mehr, aber das Geschäft eines Onkels von Alexander, ein Espresso auf der Mariahilferstraße Nummer 107, kaufte Alexander seinem Cousin ab. Als er in Pension ging, übergab er es seinem Nachfolger auf Leibrente und wurde dann 97 Jahre alt. Jetzt ist seit einiger Zeit das Geschäft ‚Geo-Schuhe’ in dem Lokal, aber sehr lange konnte man noch auf einem Schild über dem Lokal ‚Gebrüder Ungar’ lesen. Als Großmutter Rosalia gesundheitlich Probleme bekam, übersiedelte sie ins jüdische Altersheim in der Seegasse und starb 1955 an den Auswirkungen eines Oberschenkelhalsbruches.

Nie war die Rede davon, dass ich auf ein Gymnasium gehen soll. Mein Vater sagte immer, ich soll auf die Bürgerschule gehen, und ich war ein sehr braves Kind und tat immer das, was die Erwachsenen von mir erwarteten. Er sagte, ich soll etwas lernen, was Kaufmännisches, damit ich auch den Haushalt führen kann und es hieß immer: ‚Na ja, sie wird eh heiraten!’ Und dieses ‚sie wird eh heiraten’ ging mir so in Fleisch und Blut über, dass ich eigentlich gar nichts anderes wollte als ‚eh heiraten’. Rückblickend tut es mir nicht leid, aber wenn ich heute jung wäre, würde ich mir mein Leben anders organisieren. Ich weiß nicht, ob das besser wäre, aber ich würde es versuchen.

Es wurde beschlossen, dass die Hotelfachschule für mich am besten sei, weil es da kaufmännische Fächer, wie auch Haushaltsfächer gab. Das hinter diesem Hotelfach auch ein Beruf steht, nämlich das Hotelfach, der mir gefallen hätte, wie ich dann da hinein gerochen hatte, das steht auf einem anderen Blatt. Die Hotelfachschule habe ich in nicht in so guter Erinnerung, weil ich überfordert war und es auch keine Lehrer gab, die sich um mich gekümmert hätten. Zweiundzwanzig Gegenstände, glaube ich, waren es, die man in der Hotelfachschule zu lernen hatte. In zwei Jahren musste man das bewältigen, da war ich überfordert und dadurch eine schlechte Schülerin. Die Absolventen der Hotelfachschule, besonders die, die nach der Matura die Hotelfachschule gemacht hatten, gingen zum Teil danach in die Schweiz, denn Österreich war damals als Fremdenverkehrsland nicht sehr interessant.

Mein Vater wollte nicht, dass ich weggehe und brachte mich zum Praktikum im ‚Ambassador’ Hotel’ in Wien unter. Während des Sommers war ich in der Küche tätig. Ich musste zum Frühstücksdienst da sein, aber im Restaurant war eigentlich nicht viel zu tun, weil die Touristen nicht im Hotel essen wollten, sondern lieber zum Cobenzl auf den Kahlenberg fuhren. Das Grand Hotel, das heutige ‚ANA Grand Hotel’ war zerbombt, und die Kellner, mit denen ich arbeitete, waren die Crew vom Grandhotel. Das waren alte Herren, die oft interessante Geschichten aus ihrer Hotelpraxis erzählten. Die lustigste Erinnerung für mich ist, bevor das Mittag oder das Abendessen begann, kam der Ober und fragte in der Küche: ‚Was wollt ihr loswerden, was muss weg?’ Dann sagte der Koch: ‚Diese Karrees oder das oder das...’ und der Ober pries das dann den Gästen mit den Worten an: ‚Das hätten wir heute besonders frisch!’ Es war ja auch nicht schlecht, es musste nur weg. Das war meine Karriere im Hotel ‚Ambassador Kranz’. Nach dem zweiten Schuljahr absolvierte ich meine Praxis in Velden am Wörthersee. Da war ich inzwischen schon 16 Jahre und erstmalig allein von zu Hause weg. Ich begann im Hotel ‚Mösslacher’ zu servieren. Sehr geschickt war ich nicht, ich zerbrach viel Geschirr. Ich wurde für meine Arbeit bezahlt, aber die Hauptbezahlung steckte der Oberkellner ein. Er sagte zu mir: ‚Du bist ein junges Mädchen, für dich ist das nur ein Taschengeld, ich muss die Kohle für den Winter verdienen.’

Als ich in der Hotelfachschule war, entstand die ‚Freiheitliche Partei’. Da gab es eine Schülerin, die sagte, sie wählt diese Partei. Und es gab einen Jungen in der Klasse, der aus einer Nazifamilie kam und von dem wusste ich, dass er mich ablehnt, weil ich Jüdin bin. Aber das wurde nie thematisiert, das war eher hinter vorgehaltener Hand: ‚Die ist doch eine...’ oder so.

Kurz bevor ich meine Abschlussprüfung hatte, starb meine Großmutter Gisela 1951 in Wien an einem Verkehrsunfall. Ich konnte sie noch besuchen, aber einige Tage nach dem Unfall starb sie.

Mich hätte das Hotelfach interessiert, aber da sagte mein Papa: ‚Du bist ein anständiges Mädchen und kommst dann in weiß Gott was für Kreise!’ In Wien gab es die jüdische Firma Leopold Prinz. Er war der Besitzer mehrerer Filialen: Wäschererzeugung, Stoffverkauf, gefärbte Lammfelle; Kürschner waren seine Kunden. Mein Vater kannte in der Firma jemanden, und ich wurde im Büro aufgenommen. Darüber war ich nicht sehr glücklich, denn sie nahmen mich sozusagen gnadenhalber auf. Dann traf mein Vater jemanden von der Firma Reichfeld. Das war eine jüdische Familie, der eine Chemikaliengroßhandlung, die als Familienbetrieb geführt wurde, gehörte, und die suchten eine Bürokraft. Ich begann da zu arbeiten, und ich blieb dort bis zur Geburt meiner Kinder. Ich hatte in dem Beruf keine Erfahrung, aber ich kann nicht sagen, dass ich unglücklich war. Man nahm es nicht so genau mit der Arbeitszeit, wenn ich mit meiner Arbeit fertig war, ging ich nach Hause, auch wenn es noch nicht fünf Uhr war. Wenn viel zu tun war, arbeitete ich länger. Eigentlich war das eine angenehme Zeit.

Onkel Ernst starb 1972.

Politisch engagierte ich mich nie besonders. Mein Vater wählte nach dem Krieg in Wien immer Rot. Er war kein Sozialist in dem Sinn, aber er war eher ein Sozialist, als alles andere.
Bis heute ist mein Mann derjenige der immer sagt: ‚Wenn ich dir das nicht sagen würde...’, oder: ‚Lies das doch...’ Dann gibt er mir etwas zu lesen, aber ich komme mir so machtlos vor gegen die große Politik.

Mein Leben, nach dem Tod meiner Mutter, das Zurückkommen nach Österreich und das Leben als Jüdin in Österreich veränderte mich sehr. Ich wurde dick. Ich war nie schlank, aber ich wurde dick, und ich glaube, ich übte, als ich älter wurde, keinen besonderen Reiz auf Männer aus.

Während meiner Schulzeit ging ich in die Tanzschule Elmayer und später gern auf Bälle.
Heute gibt es die sogenannte Perfektion nicht mehr. Man ging am Samstagabend in
verschiedene Tanzschulen und tanzte, lernte Leute kennen und amüsierte sich. Ich ging in das Institut Kulka turnen, und ich wanderte gern. Ich wandere noch heute, ich wandere und schwimme jede Woche bei der Hakoah [15]. Jahrzehnte waren mein Mann und ich aktiv bei der Hakoah, jetzt ziehen wir uns langsam zurück. Meine Liebe zum Sport gab ich an meine Tochter weiter, sie machte ihren Magister Phil. und studierte Deutsch und Sport. Sie arbeitet als Mittelschulprofessorin in Wien.

Lange Zeit hatte ich überhaupt keine jüdischen Freunde. Erst als ich einen Englischkurs in der Volkshochschule der Urania besuchte, zu dieser Zeit arbeitete ich schon im Büro, lernte ich zwei jüdische Mädchen kennen. Dann lernten wir einen jungen Mann, der auch jüdisch war, kennen, und wir befreundeten uns mit ihm. Der hatte dann wieder einen Freund, und so kam ich langsam, ich war 18 oder 19 Jahre alt, zu einer jüdischen Gesellschaft. Leider sind einige bereits gestorben.

Die jüdischen Feiertage wurden selbstverständlich immer gefeiert. Ich habe einen Sitz im Tempel und dadurch, dass ich meine Mutter sehr früh verloren hatte, ging ich immer zu Iskor [jüdisches Totengedenken] in den Tempel, schon also junges Mädchen. Es gibt einen Frühgottesdienst für Berufstätige, und damit ich in den Tempel gehen konnte, kam ich später ins Büro. Das war selbstverständlich, auch dass die Feiertage gehalten wurden.

Für mich war es sehr wichtig einen Juden zu heiraten - mehr noch, es war eigentlich selbstverständlich. Ich hatte einige Bekanntschaften, die nicht jüdisch waren, bemerkte den Unterschied aber immer ziemlich schnell. Einmal hatte ich einen nichtjüdischen Freund, der mich in seinen Freundeskreis mitnahm. Wir besuchten ein Ehepaar, das jung verheiratet war. Die Männer saßen um einen Tisch und spielten Karten. Die Art, wie sie Karten spielten - sie knallten sie auf den Tisch und tranken Bier dabei - da wusste ich, das ist nichts für mich. Er war eigentlich der Einzige mit dem ich näher befreundet war. Einmal stellte mir eine Freundin einen Burschen vor, der eine Liebesenttäuschung hinter sich hatte und eine Freundin suchte. Mit dem ging ich aus, der Religionsunterschied war kein Problem, aber er hing noch an seiner ehemaligen Verlobten und erzählte ständig von ihr, was mir natürlich auf die Nerven ging.

Meinen Mann, Herbert Schrott, lernte ich 23jährig, im Juli 1958 kennen. Er wurde am 4. Oktober 1926 in Wien geboren. Seine Eltern Emanuel und Klara Schrott, geborene Altschüler, kamen im Jahre 1914 ungefähr 16jährig, mit ihren Eltern vor den Auswirkungen des 1. Weltkrieges flüchtend, nach Wien. Die Großeltern meines Mannes mütterlicherseits waren Fanny und Chaim Altschüler, der Landesproduktenhändler in Podhajce war. Die Familie Schrott floh aus Tarnopol, Familie Altschüler aus Podhajce. Beide Städte lagen in Galizien, das zur k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn gehörte, und gehören heute zur Ukraine.

Meine Schwiegereltern lernten sich cirka 1924/25 in Wien kennen. Mein Schwiegervater arbeitete in Wien bei der Firma Berndorf Metallwarenfabrik, dann bei der Firma B. Wolkenstein, das war eine Silberwarenfabrik, und die Schwiegermutter arbeitete bis zur Heirat in verschiedenen Firmen. Die Eltern meiner Schwiegermutter, Fanny und Joachim Altschüler, wohnten mit im Haushalt, in der Lerchenfelderstrasse.

Mein Mann ist ein Einzelkind wie ich. Er besuchte die Volksschule in der Lerchengasse im 8. Bezirk, danach besuchte er zwei Jahre ein Gymnasium. Nach dem Einmarsch der Deutschen im März des Jahres 1938 durfte er, wie alle jüdischen Kinder, nach kurzer Zeit nicht mehr in seine Schule, und ging dann in den 20. Bezirk auf das Zwi Peres Chajes Gymnasium, das war das jüdische Gymnasium. Die Familie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und von Theresienstadt im Oktober 1944 in das KZ Auschwitz. Mein Mann und sein Vater wurden zur Arbeit in das Arbeitslager Kaufering in Bayern weiterdeportiert, denn im KZ Auschwitz blieb man für immer oder, wenn man noch arbeitsfähig war, wurde man weiter geschickt. Die Mutter war von ihnen getrennt worden und arbeitete in einer Munitionsfabrik. Der Vater meines Mannes starb an der schweren Arbeit und den unmenschlichen Lebensbedingungen. Mein Mann hatte Glück, er war jung und arbeitete in der Tischlerei. In der Tischlerei musste man immer den Leim wärmen, und es war warm im Winter. Nach dem Krieg kam er nach Österreich zurück und fand seine Mutter wieder. Die Mutter heiratete ein zweites Mal, den Hermann Baum, den sie schon aus der Zeit vor dem Krieg kannte, und der seine ganze Familie verloren hatte.

Mein Mann arbeitete nach dem Krieg als Hilfsarbeiter und versorgte auch seine Mutter. Durch ihre Heirat war sie finanziell versorgt, er absolvierte die graphische Lehr- und Versuchanstalt und heiratete eine Jüdin. Die Ehe hielt nur wenige Jahre, dann gingen sie auseinander. Ein Jahr später lernten wir uns kennen. Ich wurde meinem Mann vorgestellt. Seine Mutter klagte ihr Leid, dass ihr Sohn niemanden habe, und da war jemand dabei, der mich kannte, und der sagte zu mir: ‚Willst du ihn ganz unverbindlich kennen lernen? Also begegneten wir einander nicht zufällig - ich suchte jemanden, er suchte jemanden. Ich kann nicht sagen, dass es Liebe auf den ersten Blick war, aber die Liebe wuchs. Allerdings, was ich sofort wusste, war, dass ich einen Partner fürs Leben gefunden hatte. Als ich meinen Mann kennen lernte, passte er auch in meine Gesellschaft gut hinein. Wir waren dann fünf, sechs Ehepaare, und einer davon war sehr aktiv bei der Hakoah.

Mein Mann war als junger Mann auch bei der Hakoah, allerdings war er nicht des Sportes wegen dabei. Das war Ende der 1940er-Jahre. Sie trafen sich immer im Kaffeehaus ‚Blumenfeld’, das war im 7. Bezirk, am Urban- Loritz- Platz. Mein Mann wollte eigentlich nur Mädchen kennen lernen. Wenn er eine kennen gelernt hatte, zog er mit ihr ab, und der Sport war Nebensache. Das tut ihm bis heute leid, aber so war es. Als ich meinen Mann kennen lernte, arbeitete er in der Dunkelkammer als Reproduktionsfotograf. Das ist ein Beruf, den es heute durch die Computerisierung nicht mehr gibt. Daneben arbeitete er noch für eine Verpackungsfirma. Verpackungen am Weg zum Entstehen mussten fotografiert werden. Das war eine jüdische Firma. Er bat den Chef, ob er nicht versuchen könne, die Verpackungen zu verkaufen, und so arbeitete er nebenher noch als Vertreter in der Firma. Dabei verdiente er nicht viel, und gerade als wir heiraten wollten, wurde er Vertreter für eine Firma, die es noch heute in Oberösterreich gibt. Er wurde dort Vertreter für Verpackungen und Folien. Es gab ein Wiener Büro, und er bearbeitete Wien, Niederösterreich und dem Burgenland. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung.

Unsere Tochter Gabriela wurde am 12. Dezember 1960 geboren. Sie lernte mit fünf, sechs Jahren schwimmen und wie sie es halbwegs konnte, gingen wir mit ihr zur Hakoah. Beide Kinder wurden aktive Schwimmer, und meine Tochter ist es noch immer. Mein Mann war Vizepräsident und ich veranstaltete circa zwanzig Jahre lang Wanderungen. Aber nachdem immer weniger kamen, teilweise aus Mangel an Interesse, teilweise weil sie starben oder nicht mehr so marschieren konnten, gab ich es 1999 auf. Jeden ersten Samstag im Monat treffen sich heute noch einige Senioren der Hakoah, ungefähr 15 kommen regelmäßig, im Kaffeehaus ‚Schottenring’.

In der Volksschule hatte Gabriela eine sehr junge Lehrerin und aufs Gymnasium gab ich sie bewusst in die ‚Lange Gasse’ im 8. Bezirk, da war eine Direktorin Meysel, die den Ruf hatte, sehr judenfreundlich zu sein. Ich glaube, zu dieser Zeit endete der Geschichtsunterricht vor dem Holocaust. Sie maturierte 1978/79 und erst, als die nächste Generation Lehrer in die Schulen kamen, wurde über den Krieg gesprochen. Einen Sommer, sie war schon ein junges Mädchen, verbrachte sie in Israel in einem Kibbuz als Volontär. Als sie in Israel ankam und in das Kibbutzimbüro ging, stand da ganz groß: ‚Bedenke, der Kibbutz ist nicht für dich da, sondern du für den Kibbutz.’ Damit war alles gesagt: Man kann sich den Kibbutz nicht aussuchen und du kannst dir auch die Arbeit im Kibbutz nicht aussuchen. Sie arbeitete dann mit anderen jungen Leuten aus verschiedenen Nationen zusammen. Die Volontäre wohnten separat und hatten keinen Kontakt zu den Kibbutzniks, wurden nicht in die Familien integriert und meine Tochter war ziemlich enttäuscht.

Sie wurde Lehrerin, studierte Deutsch und Sport und unterrichtet an einer Privatschule das Unterrichtsfach Deutsch. Sie organisiert Schikurse, in der Erwachsenenbildung ist sie Wellness Trainerin, dafür hat sie auch eine Ausbildung. Im Jahre 1982 heiratete sie Martin Komjati, dessen Familie ursprünglich aus Ungarn stammt und ihren Namen irgendwann einmal von Kohn in Komjati änderte. Sie ist geschieden und hat zwei Kinder, Hannah und Micha.

Natürlich wollte ich die Traditionen an meine Kinder weitergeben und habe es auch getan. Meine ganze Familie lebte ein traditionelles jüdisches Leben und unser jüdisches Leben mit den Kindern war so, dass wir uns an Feiertagen mit Freunden trafen, die auch Kinder hatten, und gemeinsam versuchten wir, unseren Kindern etwas Traditionelles mitzugeben.

Mein Vater besuchte regelmäßig den Tempel, Jahrzeit [16] hielt er immer sehr genau, und zu den Feiertagen ging er selbstverständlich auch in den Tempel. Zu Pessach [17] aß er acht Tage lang Mazzot [18] und sagte jedes Mal: ‚...und noch ein Tag und noch ein Tag und ich habe es wieder gehalten!’

Eine Zeit lang hielten wir Pessach nicht mehr so genau, meistens nach zwei Tagen aßen wir wieder Brot, und meine Tochter sagte dann einmal, als sie schon Studentin war, glaube ich:
‚Mama, das ist doch eigentlich wie eine Woche lang Diät, das müssten wir doch schaffen!’ Und seither habe ich mir das Mazza essen wieder angewöhnt.

Wir waren vergangene Woche zum Essen eingeladen, ein Freund aus Amerika lädt immer seine Freunde ein, wenn er einmal im Jahr in Wien zu Besuch ist. Da waren wir sechzehn Personen und ich habe mich zu Hause gefühlt, weil alle sinnbildlich die ‚gleiche Sprache’ gesprochen haben. Für mich bedeutet meine Zugehörigkeit nicht nur das ‚Religiös sein’ sondern das ‚Sich wohlfühlen’ in der jüdischen Gemeinschaft und das ‚Sich nicht so wohlfühlen’ in einer Gemeinschaft mit anderen Traditionen, mit anderen Gewohnheiten. Dieses Gefühl ist bei mir sehr stark vorhanden.

Meiner Tochter ist es selbstverständlich, dass sie Pessach zum Seder kommt, es ist ihr selbstverständlich, dass wir Chanukka [19], Rosh Haschana [20] und Jom Kippur [21] zusammen sind, zu Kol Nidre [22] kommt sie meistens auch in den Tempel, aber das genügt ihr nicht. Sie hinterfragt die Dinge, studiert sie und befasst sich mit so vielen Dingen und ich verstehe manchmal nicht wirklich, was sie meint. Ihre Tochter Hannah ist 20 Jahre und studiert in Krems am IMC, einer Fachhochschule. Sie studiert dort Wirtschaft in englischer Sprache. Michael, der zum Schomer Hatzair [23] geht, besucht die Vienna International School, wird 18 Jahre alt und maturiert nächstes Jahr.

Unser Sohn Felix ist am 28. September 1965 geboren. Er ist in die Schopenhauerstraße aufs Gymnasium gegangen und hatte einen sehr fortschrittlichen Klassenvorstand. Er war beim Schomer Hazair sehr aktiv, meine Tochter fühlte sich im Schomer nicht so gut und schloss sich dann einer Gruppe unabhängiger jüdischer Jugendlicher an. Felix ist das erste Mal mit dem Schomer nach Israel gefahren. Er traf Freunde im Kibbutz, die bereits ein Jahr dort waren, aber die waren auch nicht integriert, denn die 18-21jährigen sind in Israel beim Militär und die Kibbutzniks wollen sich mit den jungen Leuten nicht einlassen, denn die fahren eh bald wieder weg. Bestimmt unter anderem auch durch diese Situation blieb keiner von den jungen Leuten im Kibbutz, obwohl es wohl das Ziel damals war, junge Juden für das Leben im Kibbutz zu gewinnen.

Mein Sohn absolvierte eine Lehre als Großhandelskaufmann und war dann im Sporthandel bei der Firma Klett tätig. Die Firma gibt es nicht mehr, und seitdem arbeitet er bei der Firma Intersport und ist jetzt Filialleiter und eigentlich Reisender in Sportartikeln Österreichweit. Er ist verheiratet und hat einen Sohn Samuel. Die Frau meines Sohnes konvertierte zum Judentum und wurde eine richtige Jüdin. Sie trennen milchig und fleischig, haben milchiges und fleischiges Geschirr zu Hause, allerdings außer Haus, fragt man nicht. Natürlich feiern sie alle Feiertage, am Seder [24] sind sie den ersten Tag bei uns, am zweiten Abend feiern sie zu Hause noch einmal mit ihren Freunden. Jom Kippur sind sie zum Einfasten bei uns und zum Ausfasten haben sie eine große Feier zu Hause. Sie haben einen jüdischen und nichtjüdischen Freundeskreis. Mein Sohn ist Kultusrat, der achtjährige Samy geht in die jüdische Schule und zum Schomer Hatzair.

Als meine Kinder in die Schule kamen, gab es keine jüdische Schule. Das non plus ultra damals war die französische Schule, die wir uns aber finanziell nicht leisten konnten. So gingen unsere Kinder in ganz normale Schulen. Während des christlichen Religionsunterrichtes verließen meine Kinder die Klasse, sie gingen jede Woche in die Seegasse in eine Haupt - oder Volksschule in den jüdischen Religionsunterricht. Da kamen am Nachmittag fünf, sechs Kinder zusammen und lernten jüdische Religion. Ich glaube, meine Tochter empfand dieses ‚anders sein’‚ also dieses angehören einer Minderheit, während der Schulzeit mehr als mein Sohn. Ich erinnere mich aber nicht, dass meine Kinder jemals Probleme hatten, weil sie Juden sind.

Um Österreich irgendwann einmal wieder zu verlassen, war ich wahrscheinlich zu bequem. Als gefährdet empfand ich mein Leben in Österreich eigentlich nie, auch in politischen Krisen, wie der Waldheim Affäre oder der Blau-Schwarzen Regierung mit Haider nicht.
Zu Hause fühle ich mich in Österreich nicht, nur in meiner Wohnung bin ich zu Hause. Mit den Wienern geht es einigermaßen, mit den Österreichern überhaupt nicht. Gestern gab es im Fernsehen einen Film vom Alfred Komarek, der in Bad Aussee spielte und wie sie am Stammtisch saßen, Karten spielten und sangen - das ist eine Atmosphäre, die ich nicht einmal im Fernsehen vertrage. Ich lebe mit meinen Freunden in einem Ghetto, aber das heißt nicht, dass ich keine anderen Kontakte habe.

Die Existenz des Landes Israel ist sehr wichtig für mich. Israel ist ein Halt für mich, es gibt das Gefühl von Sicherheit, aber Leben würde ich da nicht wollen, obwohl ich mich dort mehr zu Hause fühle, als woanders. Alles ist jüdisch, sogar der Straßenkehrer. Sie sprechen meine Sprache und sie teilen meine Gefühle. Ich habe es vergangenes Jahr genossen, zu Pessach in Israel zu sein, denn wo ich hinkam, gab es das richtige Essen, egal ob wir eingeladen waren oder in Restaurants. Aber man gehört dennoch nicht dazu. Man ist – in anderer Form - genauso Außenseiter wie man hier Außenseiter ist. Mein Ivrit ist nicht so gut, dass ich Nachrichten verstehen und an der Kultur teilhaben könnte. Ich bin aber natürlich keine Verlorene, ich kann den Alltag dort leben. Israel wäre für mich die erste Wahl, wenn ich aus Österreich weg müsste, aber Heimat ist auch Israel mir nicht. Alle zwei bis drei Jahre reisen mein Mann und ich nach Israel, nach Tel Aviv. Ich habe dort so viele Freunde, dass ich nicht dazu komme, wirklich Urlaub zu machen, weil ich jeden Tag woanders eingeladen bin. Teilweise sind das Freunde aus Mauritius, weil es ja regelmäßig Treffen gibt, zuerst alle fünf Jahre, jetzt alle zwei bis drei Jahre, weil es immer weniger werden. Manchmal denke ich, man müsste inkognito nach Israel fahren, aber das bringe ich dann doch nicht fertig. Ich hoffe, dass jetzt, nach dem Tod Arafats und dem ausgesprochenen Willen des Palästinenserpräsidenten Abbas, eventuell Frieden einkehrt. Wenn ich im Fernsehen sehe, wie sich die Araber untereinander streiten und morden, so kann ich mir wiederum nicht vorstellen, dass sie plötzlich mit den Juden Frieden schließen wollen. Ich glaube, dass nur noch ein Wunder helfen kann, dass in Israel Frieden wird, aber nachdem die Mauer in Deutschland gefallen ist, und es im Großen und Ganzen keinen Kommunismus mehr gibt, was man ja nie geglaubt hätte, so glaube ich, dass auch in Israel vielleicht einmal Ruhe werden wird. Das wäre wunderbar!

Als wir im Jahre 1947 aus Palästina nach Wien zurückkamen, ging es uns relativ bald wieder einigermaßen gut, aber dieses Anderssein als die Anderen, das bleibt einem. Keine Heimat zu haben, das bleibt einem auch.











Glossar


[1] Nisko: Ort im Karpatenvorland. Im Rahmen der ‚Umsiedlung nach dem Osten‘ gelangten Ende 1939 zwei Transporte mit 1.500 Wiener Juden nach Nisko. Nur 200 Männer gelangten in das Lager, die Mehrheit wurde über die deutsch-sowjetische Demarkationslinie gejagt. Nach dem Abbruch der Aktion wurden im April 1940 198 Männer nach Wien zurückgeschickt – viele von ihnen wurden mit späteren Transporten neuerlich deportiert.


[2] Ungarnaufstand: Im Ungarischen Volksaufstand versuchten die Ungarn im Oktober 1956, sich von der sowjetischen Unterdrückung zu befreien. Er begann am 23. Oktober 1956 mit einer Großdemonstration in Budapest und endete am 4. November 1956 durch den Einmarsch der Roten Armee.


[3] Schochet [hebräisch für Schächter]: Die halachischen Vorschriften bestimmen ein exaktes Verfahren für das Schächten [Schlachten von Tieren].


[4] k.u.k.: steht für ,kaiserlich und königlich' und ist die allgemein übliche Bezeichnung für staatliche Einrichtungen der österreichisch-ungarischen Monarchie, z.B.: k.u.k. Armee; k.u.k. Zoll; k.u.k. Hoflieferant....


[5] Mikwe: Ritualbad


[6] Schabbat [hebr.: Ruhepause]: der siebente Wochentag, der von Gott geheiligt ist, erinnert an das Ruhen Gottes am siebenten Tag der Schöpfungswoche. Am Schabbat ist jegliche Arbeit verboten. Er soll dem Gottesfürchtigen dazu dienen, Zeit mit Gott zu verbringen.
Der Schabbat beginnt am Freitagabend und endet am Samstagabend.


[7] Bar Mitzwa: [od. Bar Mizwa; aramäisch: Sohn des Gebots], ist die Bezeichnung einerseits für den religionsmündigen jüdischen Jugendlichen, andererseits für den Tag, an dem er diese Religionsmündigkeit erwirbt, und die oft damit verbundene Feier. Bei diesem Ritus wird der Junge in die Gemeinde aufgenommen.


[8] Allende, Salvador wurde 1970 zum Staatspräsidenten Chiles gewählt und bildete eine Mehrparteien- Volksregierung. Durch Militärputsch gestürzt. Während das putschende Militär am 11.09.1973 den Präsidentenpalast La Moneda erstürmte, wählte er den Freitod.


[9] Bürgerkrieg in Österreich [Februarkämpfe 1934]: Die Gegensätze zwischen den Sozialdemokraten und den Christlichsozialen bzw. der Regierung führten im Februar 1934 zum Bürgerkrieg in Österreich. Die Februarkämpfe brachen in Linz aus und breiteten sich nach Wien aus. Der unorganisierte Aufstand forderte mehr als 300 Tote und 700 Verwundete [auf beiden Seiten]. Außerdem führte er zum Verbot der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften sowie die Ausrufung 1934 des Ständestaats.


[10] Permit [engl.: Erlaubnis]: Visum, Einreisegenehmigung


[11] Patria [Schiff]: Jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen, hatten bereits eine Odyssee hinter sich, als sie im Spätherbst 1940 den Hafen von Haifa erreichten. Nach wochenlanger Fahrt durch das Schwarze Meer und den Bosporus, erreichten drei Schiffe im Spätherbst 1940 nacheinander den Hafen von Haifa. Als am 24. November die ‚Atlantik’ als letztes der drei Schiffe ankam, befanden sich die Passagiere der ‚Pazifik’ und der ‚Milos’ bereits auf der ‚Patria’. "Unter Quarantäne", wie man sagte. Sehr bald stellte sich jedoch heraus, dass die Briten die unwillkommenen Ankömmlinge nach Mauritius im Indischen Ozean deportieren wollten. Um die Verschleppung ihrer Kameraden zu verhindern, schmuggelte die jüdische Widerstandsgruppe Haganah Sprengstoff an Bord der ‚Patria’. Das Schiff sollte seeuntüchtig gemacht werden. Am 25. November 1940 morgens gegen neun Uhr erschütterte eine gewaltige Explosion den Hafen von Haifa. Die Haganah hatte die Menge des Sprengstoffs falsch berechnet. Bei der Explosion, die die ‚Patria’ in die Luft jagte, und dem anschließenden Schiffbruch, verloren cirka 270 Menschen ihr Leben.


[12] Haganah [hebr. 'Verteidigung]: 1920 gegründete zionistische Militärorganisation in Palästina während des britischen Mandats [1920-1948], die Juden vor arabischen Überfällen schützen sollte. Die Hagana unterstand der Histadrut [Gewerkschaft]. Sie wurde so zum Vorläufer der israelischen Armee, in der sie nach der Staatsgründung aufging.

[13] Japankrieg: Im Dezember 1941 bombardierten die japanischen Luftstreitkräfte Pearl Harbour und eröffneten den Pazifischen Krieg. Japan konnte sein Territorium innerhalb der nächsten sechs Monate im Westen bis nach Indien und im Süden bis nach Neu Guinea ausweiten. Das Blatt wendete sich mit der Schlacht von Midway im Juni 1942. Von diesem Punkt an gewannen die USA langsam das große Territorium zurück, das die Japaner erobert hatten.

[14] Wizo: Akronym für Womens International Zionist Organisation. International tätige zionistische Frauenorganisation.


[15] Hakoah [hebr.: Kraft]: 1909 in Wien gegründeter jüdischer Sportverein. Bekannt wurde vor allem die Fußballmannschaft [1925 österreichischer Meister]; der Verein brachte auch Ringer, Schwimmer und Wasserballer hervor, die internationale und olympische Titel errangen. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 an das Deutsche Reich wurden die Spielstätten beschlagnahmt und der Verein 1941 verboten.


[16] Jahrzeit: Nach jüdischer Tradition wird eines nahen Toten an seinem Todestag der ‚Jahrzeit’, gedacht. An diesem Tag pflegt man ein ‚Seelenlicht’ [Kerze] anzuzünden, das Grab zu besuchen und besondere Gebete zu sprechen.


[17] Pessach: Feiertag am 1. Frühlingsvollmond, zur Erinnerung an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, auch als Fest der ungesäuerten Brote [Mazza] bezeichnet.


[18] Mazzot [Einz. Mazza]: Ungesäuertes Brot, für das nur eine der fünf Getreidearten Weizen, Gerste, Dinkel, Hafer oder Roggen verwendet werden darf. Die Mazzot wird als das ‚Brot der Armut’ bezeichnet, ‚das unsere Väter in Ägypten gegessen haben’. Es gilt aber auch als das Brot der Erlösung, die so schnell kam, ‚dass der Teig unserer Vorfahren keine Zeit hatte zu säuern’, bevor er gebacken wurde. Mazza essen gilt nur am ersten Abend des Pessachfestes, dem Sederabend, als Pflicht. An den restlichen Tagen des Festes darf man zwar weiterhin nichts Gesäuertes [Chamez] zu sich nehmen, muss aber keine Mazza essen.


[19] Chanukka [hebr.: Weihe]: Das achttägige Chanukkafest erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem im Jahr 164 v. Chr. nach dem erfolgreichen Makkabäeraufstand gegen hellenisierte Juden und mazedonische Syrer. Die Makkabäer siegten und führten den jüdischen Tempeldienst wieder ein. Laut der Überlieferung fand sich Öl für nur einen Tag; durch ein Wunder hat das Licht jedoch acht Tage gebrannt, bis neues geweihtes Öl hergestellt worden war.


[20] Rosch Haschana [heb.: Kopf des Jahres]: das jüdische Neujahrsfest. Rosch Haschanah fällt nach dem jüdischen Kalender auf den 1. Tischri, der nach dem gregorianischen Kalender auf Ende September oder in die erste Hälfte des Oktober fällt.


[21] Jom Kippur: der jüdische Versöhnungstag, der wichtigste Festtag im Judentum.
Im Mittelpunkt stehen Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten.


[22] Kol Nidre: Abendgottesdienst vor Jom Kippur


[23] Haschomer Hatzair [hebr.: ‚Der junge Wächter‘]: Erste Zionistische Jugendorganisation, entstand 1916 in Wien durch den Zusammenschluss von zwei jüdischen Jugendverbänden. Hauptziel war die Auswanderung nach Palästina und die Gründung von Kibbutzim. Aus den in Palästina aktiven Gruppen entstand 1936 die Sozialistische Liga, die sich 1948 mit der Achdut Haawoda zur Mapam [Vereinigte Arbeiterpartei] zusammenschloss.


[24] Seder [hebr.: Ordnung]: wird als Kurzbezeichnung für den Sederabend verwendet. Der Sederabend ist der Auftakt des Pessach-Festes. An ihm wird im Kreis der Familie (oder der Gemeinde) des Auszugs aus Ägypten gedacht.