In Memoriam Ernst Neumann (Arie Neeman)



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Ernst Neumann (rechts) mit seiner Mutter im Dirndl und seinem Vater in der Uniform der K&K Armee, der er als Offizier diente - in seiner Lebensgeschichte können Sie nachlesen, wie es kam, dass dieses Bild das Leben von Ernst Neumann gerettet hat

„Heimat bist du großer Söhne ...“

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in großer Sohn der Stadt Laa war Ernst Neumann. Wäre er nicht als Jude in Laa geboren und im letzten Moment nach Israel ausgewandert, sondern wäre er in Österreich Militärattaché und General gewesen, vielleicht hätte man Straßen und Schulen in Laa nach ihm benannt.

Wenn ich an Arie Naman denke - unter dem Namen hat er in Israel gelebt - so kommen verschiedene Erinnerungen in mir hoch.

Die außergewöhnlichsten Geschichten schreibt das Leben selbst. Es war ein Foto, das dem jungen Ernst das Leben gerettet hat.
Ernst Neumann war ein Teenager, als Österreich ein Teil von Hitlerdeutschland wurde. Er verstand, dass er hier nicht bleiben konnte. Seine Eltern meinten, es könne ihnen nichts geschehen, da der Vater ein hoch dekorierter Veteran des 1. Weltkriegs war. Die Eltern sollten den Krieg nicht überleben. Als man sie deportierte, fragte man nicht nach vergangenen Heldentaten des Vaters.
Die Flucht Ernst Neumanns war ein Zickzackkurs durch Europa. Als sich Hitler die Tschechische Republik noch nicht einverleibt hatte, war an politisches Asyl in anderen europäischen Ländern nicht zu denken – er wurde wieder und wieder zurückgeschickt. Eine der letzten Etappen seiner Flucht war Prag. Dort konnte er sich einer Gruppe anschließen, deren Ziel es war, ins damalige Palästina zu fahren. Bevor es so weit war, wurde er aber auf der Straße verhaftet und ins Gestapo-Hauptquartier gebracht, ein Ort, den er nur noch durch ein Wunder lebend verlassen konnte.
Er musste seine Taschen leeren, wurde verhört und beschimpft. Da fiel der Blick des Nazi-Schergen auf das Foto, das in seiner Tasche gewesen war. Es zeigte den jungen Ernst mit seinen Eltern: die Mutter im Dirndl, den Vater in der Uniform der k. u. k. Monarchie (siehe oben). Auf die Frage, wer das denn sei, erklärte Ernst, dass das sein Vater sei und es eine Tatsache sei, dass auch Juden im Heer der Monarchie gedient hatten. Der Mann ließ Ernst daraufhin gehen, warnte ihn jedoch, dass er es nicht überleben würde, falls er noch mal aufgegriffen werden sollte.

Ich denke an den Ernst Neumann, der mir zwar sofort antwortete, als ich ihn um ein briefliches Interview bat, der damals aber noch der festen Überzeugung war, er würde nie mehr die Stadt seiner Jugend besuchen. Aber dann kam er doch, ein großer Schritt nach all den Jahrzehnten. Ein Schritt, den er wohl nie gemacht hätte, wenn ich ihm nicht geschrieben hätte. So einfach wäre es vielleicht gewesen, wenn nach dem Krieg jemand aus der österreichischen Öffentlichkeit gefragt hätte, wo all die Vertriebenen geblieben sind und ob sie nicht wiederkommen möchten.

„Gott wird schießen einen Besen“, ein Ausspruch, den ich nur bei Herrn Neumann gehört habe und den er immer benutzte, wenn es um ein Problem ging, das man zwar diskutieren konnte, weil es gerade aktuell war, jedoch eine Lösung unerreichbar schien. Wer kann die Welt schon umdrehen? Vielleicht manchmal nur Gott und vielleicht stimmt das schon. Wenn man sich den Zustand der Welt und all die Ungerechtigkeiten ansieht, so ist die Frage, wo denn der Besen bleibt, heute ebenso wie zu Lebzeiten Ernst Neumanns noch offen.