Briefe von Karola Zucker (Österreicher)



Die Briefe von Karola umfassen mehr als ein Jahrzehnt. Sie zeigen, wie die Briefe immer persönlicher werden, und sie unsere Freundschaft widerspiegeln. Sie werfen auch ein Licht auf Karolas einzigartige, liebenswerte Art.


Ramat-Gan 17. 7. 92

Liebe Magdalena!

Habe deinen Brief mit etwas gemischten Gefühlen erhalten. Sage dir du, habe meinen Enkel der jetzt 15 Jahre alt wird, so erlaube mir du zu sagen. Als ich Laa verlassen musste war ich 12 ½ Jahre alt, ein Kind – aber mit gutem Gedächtnis über einiges. An deine Grossmutter sowie Urgrosseltern kann ich mich nicht erinnern. Für deine Matura hast du dir ein etwas heikles Thema gewählt, will dir gerne behilflich sein u. schicke dir schon beiliegend etwas was du gebrauchen kannst.
Will mich auch vorstellen, habe 2 Söhne u. 1 Tochter durch sie habe 6 Enkeln wie schon erwähnt der älteste ist 15 Jahre alt. 12, 10 zwei 6 Jährige u. unser Baby 14 Monate alt. Mein Mann war Polizist u. ich war Krankenschwester bei Kinder.
Jetzt sind wir beide Rentner.
Weiss nicht ob du weißt ich war schon wenigstens 4 mal in Laa einmal organisierte Kiesling Helga so was wie ein Klassentreffen da war ich mit meiner Tochter bei ihr eingeladen.
Die Synagoge in Laa, man kann sie so nicht nennen es war ein Betraum, denn Synagoge ist schon was grosses ein Bau mit Vorgarten wie es halt üblich ist. Die Tränen kamen mir als ich von den Fund deiner kleinen Schwester hörte – die gold-farbene Sammelbüchse.
So, die Laaer Bevölkerung will die Juden vergessen – das kann nur dadurch möglich sein, wenn gewisse Leute feig sind die Wahrheit zu sagen wenn es auch noch so eine grosse Schande war. Wieviel Bürgermeister waren schon seit 1938? Hat einer daran gedacht einen kleinen Gedenkstein zu setzen für die Laaer Juden die vergast wurden?
Es ist lieb von dir, dass du daran überhaupt denkst, denn kein Mensch interessiert was vor 54 Jahre war. Zum Glück gibt es in Israel Institute die forschen danach, ausserdem ist es Geschichte – die man nicht totschweigen darf.
Noch ein Rat – vielleicht kann dir die Wiener jüdische Kultusgemeinde auch etwas behilflich sein.
In Mistelbach war unser Friedhof der durch die jüd. Gemeinde bis jetzt gepflegt wird. Dort sind meine Grosseltern begraben die beide 1924 starben. Es liegen dort noch etwas Verwandte die bis 1938 eines natürlichen Todes gestorben sind, ich war am Friedhof so oft ich in Laa war.
Da ich am 16. August Israel auf 2 Monate verlasse u. dir keine feste Adresse angeben kann so schicke mir deine Fragen Post-wendend – Hoffe, dass ich dir noch etwas behilflich sein kann. Reisen war immer mein Hobby diesmal ist es auch mit einer Kur verbunden.

Grüsse dich herzlich, sowie deine kleine Schwester u. liebe Eltern die stolz auf dich sein können
Deine Karola Zucker


Ramat-Gan, 3. August 92

Liebe Magdalena!

Besten Dank für dein Photo – bist ein hübsches Mädchen dachte du wärst blond mit blaue Augen – irren ist menschlich.
Will dir noch einen Tipp geben, wo die noch lebenden österr. Juden registriert sind: in der Pensionsversicherungsanstalt der Angestellten 1021 Wien, Friedrich Hillegeist Strasse 1 Postfach 1000.
Befürchte, dass ich nicht so viel weiss um alles zu beantworten, meine Eltern waren sehr beschäftigt mit den Geschäft die Juden trafen sich beim Beten man besuchte sich auch ab u. zu.
So will nun der Reihe nach über denen schreiben die ich kannte, der Ordnung nach aber wieder alle Namen erwähnen.
Adlers – keine Ahnung
Bischof oder Fischof – Vorbeter, Kantor nicht Rabbiner, schlachtete Hühner u. Gänse auch. Soll Selbstmord begangen haben vor N.S. Zeit wegen Sohn der Christin geheiratet hat in der letzten Zeit soll er irre gewesen sein, vernachlässigt – schmutzig. Ich konnte ihm nicht leiden, mit Söhnen hatten meine Eltern keine Verbindung
Blau Heinrich – Vorfahre von Hermann u. Max? Kann sein.
Hermann Blau – Cousin meiner Mutter ein Sohn Heini war mein Spielkamerad soll überlebt haben u. mit der amerikanischen Aremee in Laa gewesen sein um 1945 (Aussage von Adalbert Dushek, gewesener Direktor der Mädchenschule). Möglich er wohnt in London. H.B. hatte Lebensmittel Geschäft am Hauptplatz.
Max Blau Bruder von Hermann Blau am Weg zum Bahnhof, hatte Specereien Cousin meiner Mutter.
Es gab noch eine Schwester die verehelicht war mit Franz Deutsch überlebte u. hatten in Wien XV Sechshauserstr. 12 ein Schuhgeschäft – habe sie besucht 1962 schon verstorben.
Blau Leopold mein Grossvater
Blau Lina meine Grossmutter am Mistelbacher Friedhof begraben
Blau Hermine meine Mutter einzige Tochter von Leopold u. Lina Blau Geschäft von Molkerei übernommen nicht arisiert später 1927 von Nathan Blau haben meine Eltern das Geschäft gekauft, Onkel Nathan hatte noch 1951 einen Sohn Max Blau der in Los Angeles lebte u. dort starb.
Alle Blaus waren mit meiner Mutter verwandt Cousins oder Gliedcousins.
Bloch Vorfahren von Edith Bloch am Mistelbacher Friedhof begraben.
Edith Bloch erkrankte an Parkinson war eine Schönheit
Broda Karolina Zither u. Klavierlehrerin mit Dr. Loschitz sehr befreundet aber nicht verheiratet.
Broda Helene nicht gekannt,
Deutsch mir unbekannt

Drill Sigmund Pferdehändler Angaben stimmen überlebte
Moritz u. Carla Drill überlebten habe mit Carla Drill korrespondiert letzter Brief 1967 aus Australien Adelaide wurde 87 Jahre alt, Mann Moritz war der „Bucklige“ Getreidegeschäft neben Laaer Kino.
Herta Drill Tochter lebt in Melbourne. Heutiger Name Terry Witwe hat 1 Tochter in hoher Position
Hilda Drill – Heute White Schwester von Herta lebt in Adelaide Australien 2 Kinder Witwe besuchte mich in Israel auch sowie Herta war in Israel.
Hatte vor umzuziehen etwa vor 5 Jahre seitdem nichts von ihr gehört.
Ignaz Drill Getreide Geschäft gegenüber unserer gew. Mädchenschule gab mir immer Zuckerl wenn ich bei ihm vorbeikam sehr freundlich – denke seine Ehefrau hiess Dorothea.
Albert Drill: ihr einziger Sohn der durch einen Gasofen beim Baden im Badezimmer wegen ausströmenden Gas umkam, erinnere mich gut daran waren vermögend
Ernst Drill – nicht gekannt
Moritz –„-
In Laa waren 3 Drills die ich kannte. 1 Drill soll noch in Wien sein eine Frau namens Kitty die Hilda u. Herta immer besuchten. Nachkommen von Sigmund Drill?
Amalia Frommer – weiss nichts
Eichinger –„-
Fischer –„-
Grafunkel _“-
Hauser Gustav –„-
Hauser Max: Erinnere mich wenig nur vom Bankrott gehört
Hauser Erna – Erinnere nur, dass sie existierte.
Ing. Karl Jokel – nicht gekannt
Kohn – siehe später
Dr. Hugo Loschitz: guter Freund meiner Eltern – wohnte mit 2 Schwestern die Sofie u. Paula hiessen – hat beide Schwestern ernährt u. heiratete darum nicht Frau Broda Zitherlehrerin – hatte noch 1 Schwester Charlotte u. Bruder Herbert die in Brünn lebten. War Rechtsanwalt sehr edel u. hilfreich, besuchten sie öfter. Kamen alle um.
Leo Tandler – unbekannt
Maneles – 3 Kinder – Kurt, Gerda, Erika, Erika war meine einzige jüd. Schulfreundin, von der Volksschule ins Gymnasium übergegangen wohnten Hauptstrasse Weg zur Grenze, besuchten uns ab u. zu. Alle umgekommen.
Maneles – kamen nach Laa erst 1938 Sohn Heinz war meine Jugendliebe besuchte mich jeden Tag spielte ihm am Klavier vor.
Maneles – Pferdehandel mir vom Hören bekannt
Österreicher Leopold – mein Vater – Schuhe u. Kleidergeschäft Hauptplatz Nr. 6 – Dolfuss Pl. Hitler Platz u. heute? Karl Breiner arisierte Geschäft Wohnhaus Schmuckgeschäft oben Schneiderin gewohnt Vermögen Abgabe an Herrn Albert Warenlager von Nachbarn ausgeräumt, Wegen Tschechischer Staatsbürger Laa 1938 in 48 Stunden verlassen konnten etwas Möbel mitnehmen.
Sonnenschein – unbekannt
Sr. Erwin Toch – Nachfolger von Dr. Loschitz hat überlebt übrige Toch keine Ahnung
Weinberger – alle unbekannt
Weiner –„-
Wertheim –„_
Käthe Zweig –„-
Kohn Fred – Enkel von Leopold Blau Bruder meiner Grossmutter Lina Blau und der Sohn von Moritz Kohn der Schwiegersohn von Leopold Blau
Soll sehr vermögend sein hatte nicht Kontakt weiss nicht ob er noch lebt, mein Gliedcousin. Außerdem hatte meine Großmutter Lina Blau eine Schwester, Kathi, verheiratet mit David Reich – 2 Söhne Johann u. Richard. Johann hatte 2 Söhne, einer in Australien u. der andere Karl Reich lebt in Israel, mein Gliedcousin, habe ihn ein paar Mal besucht. Kontakt wegen Umsiedlung abgebrochen, vermögend.

Im allgemeinen Brandbestattung nicht erlaubt.

Viel Familie von meiner Mutter kamen aus Nikolsburg. Meine Eltern kauften auch dort Ware bei einem Abeles, der nach Israel kam. Denke, meine Urgroßeltern stammen von dort.

Apropos Mistelbacher Judenclub? Noch nie gehört.
Lebende Juden aus Mistelbach habe erfahren diese:
Felsberg Grete – verheiratet, lebt in Jerusalem
Gelbhard: Vorbeter aus Mistelbach, gab in Laa Religionsunterricht nach Fischofs Tod, netter Mann war er, 2 Söhne: Asher, fällt mir nicht ein Name 2. Sohnes, beide in Israel
Meine Tante in Mistelbach hieß Finsches (Schwester von Vater), ihr erster Mann heiß Schindler, großer schwarzer Grabstein in Mistelbacher Friedhof – sie adoptierte Tochter von Schwester, die bei ihr in Mistelbach aufwuchs. Lebt in Israel meine Cousine, Tante u. Onkel sind in Theresienstadt umgekommen.
Sonst kein Jude aus Mistelbach bekannt hier in Israel. Der Club kann nie existiert haben, es gibt von
allen österreichischen Juden die Pensionisten (Club), alles sehr alte gebrechliche Leute, die meistens aus Wien und Graz stammen, man trifft sich 1 Mal im Monat bei einer Jause.

Hoffe, habe dir bei deinem Puzzle etwas weitergeholfen – Schade, die Drills hätten viel mehr gewusst wie ich, da sie so 8-10 Jahre älter sind u. meine Erinnerungen die einer 12jährigen sind. In meiner Nähe ist ein Altersheim von ehemaligen österreichischen Juden, die schon zum großen Teil Betten hüten. Jetzt kommen schon Juden aus Ungarn und CSSR ins Heim, da es österreichische Juden fast nicht mehr gibt.
Da ich meine Reise am 16. August antrete, wird der 2. Teil deiner Fragen im Oktober fortgesetzt – das Leben der jüdischen Gemeinde – werde darüber sehr wenig wissen.

    Mit herzlichen Grüßen auch an deine Eltern sowie Schwester

    Deine Karola Zucker

    P.S. Die Aufschriften Kolb habe gesehen, weiß nicht die Verbindung mit Drills.



    Postkarte von „Wasserkuppe Röhn – Berg der Segelflieger“ vom 31. 8.

    Liebe Magdalena,
    von der Goldenen Stadt Prag erhielt ich noch die Karte und besten Dank. Mittlerweile war ich hier oben – liebe sehr Segelflugzeuge – sonst nehme auch Therme Bäder – etwas für die Gesundheit. Das Wetter ist auch dermaßen gut. Liebe Grüße
    Karola Zucker



    27.10.1992


    Liebe Magdalena!
    War sehr erfreut, als ich am 21. X. nach Hause kam u. deinen l. Brief vorfand.
    Wegen Mathematik mach die keine Sorgen – Einstein war ein schlechter Schüler, aber trotzdem ein Genie. Kann mir vorstellen, deinen Ärger, die Klasse zu wiederholen, aber nehme es doch nicht tragisch – bist jung u. das ganze Leben ist noch vor dir! Kümmere dich auch nicht um die Meinung anderer am Ende wirst du es heuer schaffen, zum Glück hast du auch nette Freunde, die zu dir stehen u. der Ball wird auch nächstes Jahr sein.
    Den Namen Pierre Genee höre ich zum ersten Mal u. es freut mich, dass er dich eingeladen hat. So, hat er abgeraten, eine Matura mit diesem Thema zu machen, denke, in Österreich ist man auch heute nicht sehr judenfreundlich, sonst wäre auch Waldheim nicht so lange am Ruder gewesen. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber wenig. Bin der Meinung, dass die Leute in Österreich seit Generationen uns Juden nicht ausstehen – schicke dir darum einen Artikel, der dich interessieren wird. Sollte deine Arbeit für die Universität sein, da hast du genug Zeit noch, bis es veröffentlicht wird. Es ist immer ein Risiko wie auch die politische Lage ist, bez. wird.
    Fred Kohn kann verstorben sein – hatte mit ihm keinen Kontakt. Es freut mich, dass du Hilda Drill gefunden hast, sie kann die mehr helfen wie ich, ist 5-6 Jahre älter u. erinnert sich an alles besser.
    Es wurde unsere Straße vor etwa 8 Jahren anders benannt, aber trotzdem kamen die Briefe an, so hoffe, dass ich durch dich mit meiner l. Freundin Hilda wieder korrespondieren werde. Herta ist sehr schreibfaul u. auch hat mir selten geschrieben.
    Besten Dank für die Beschreibung meines alten Elternhauses – wusste, dass hinten ein Schmuckgeschäft ist, habe davon Photo. Vorne war früher Friseur Breiner, der vor etlichen Jahren überfahren wurde. Herr Albert war der Familienname, er bekam den Schlüssel der Eisenkasse vom Geschäft, wo sich auch der Schmuck befand. Das Geschäft räumten Familie Anton aus, tagelang. Sie hatten auch ein Kleidergeschäft neben uns. Hoffe, erinnere mich gut an diese Namen, sonst könnte Hilda helfen.
    Was Frau Blau und Franz Deutsch anbelangt, keine Nachkommen, Schuhgeschäft war Wien XV, Sechshauserstrasse 12. Weiß nicht, von wo Herr Deutsch stammte u. seine Religion, nehme an, er war aus Wien. Anbei auch Brief von Herrn Reich.
    Die Beziehung zwischen Christen u. Juden war bis 1938 gut, es gab gar keine Unterschiede. Die Christen wussten, bei unseren hohen Feiertagen waren Geschäfte geschlossen u. wünschten uns auf der Straße gute Feiertage.
    Der Antisemitismus in Laa dem Buche Dr. Rosenkranz gemäß sind die Ausschreitungen nach dem Anschluß gemeint u. auch vor 1938 war das „Deutsche Haus“, wo man schon Monate früher Hakenkreuz Fahnen nähte u. alles vorbereitete, Fackeln für Umzüge u. Uniformen. Das „Deutsche Haus“ war am Hauptplatz neben Buchhandlung Prim, vis-a-vis vom Schmuckgeschäft, daneben war auch Konditorei. Es gab in Laa Antisemiten, die ich mit Namen nicht gerne nennen möchte.
    Die Laaer Juden waren nicht sehr fromm, damit ist gesagt, sie fielen nicht auf äußerlich mit Locken oder Bart wie die orthodoxen Juden gehen u. Kaftan. Wir waren wie alle angezogen u. die Geschäfte waren am Schabbat offen, nur wie gesagt Feiertage geschlossen, unser Neujahr, Fasttag, auch Versöhnungstag genannt, Laubhüttenfest, Ostern.
    Nur Herr Fischof hatte Bart als Vorbeter u. seine Frau ganz kurze Haare u. Kopftuch. Bei den sehr frommen Juden tragen die Frauen Perücken oder Kopftuch, aber nicht total abrasiert, die verehelicht sind.
    Die Feste wurden teilweise in der Synagoge u. zu Hause im Familienkreis gefeiert. Habe noch Pfingsten nicht erwähnt.
    Mit dem Religionsunterricht, den ich immer geschwänzt habe, weiß ich nichts, da ich Herrn Fischof nicht leiden konnte. Erst als Herr Gelbhard aus Mistelbach kam, war ich so 10 Jahre alt, nahm ich am Religionsunterricht teil, glaube, wir bekamen ein Klassenzimmer in der Schule, in der Synagoge war’s nicht, denn es gab eine schwarze Tafel mit Kreide, auf der wir Herrn Gelbhard zeichneten und sich über ihn lustig machten, mal mit 2 Köpfen, mal mit riesiger Ausbuchtung auf der Hand, die er hatte. Es wurde Hebräisch gelernt u. auch die Bibel, sowie Bedeutung der Feiertage, glaube 2x wöchentlich.
    Jiddisch haben die Laaer Juden untereinander nicht gesprochen. Die Kaufleute wie mein Vater etwas Czechisch wegen dem Kundenkreis aus der CSR.
    Meine Familie bzw. Mutter hatte in Nikolsburg Verwandte u. Bekannte u. kaufte auch Kleidung dort für das Geschäft bei einem Herrn Abeles. Da die Grenze offen war, kamen Juden auch von Böhmen auf Besuch.
    Die Laaer Umgebung kann ich nicht beschreiben, da ich wegen meiner Tante nur Mistelbach kannte, von der Umgebung kam man kaum in die Synagoge zum Beten, da es dort Sitte war, jeder Mann u. Frau hatte seinen Platz, den man bezahlte.
    Die Synagoge war ganz spartanisch, nur hellbraune Bänke in der Reihe vorne ein Vorhang u. dahinter die heiligen Thorarollen aus denen man den Feiertagen gemäß vorliest. Auf einer Erhöhung nach dem Vorhang der Platz des Vorbeters. Weiter hinten ein abgeteilter Raum für Frauen.
    Mischehen zwischen Christen u. Juden gab es ab und zu aber selten. In unserer Zeit sah ich nur Christen in der Synagoge, die Licht an u. ausschalteten u. den Raum in Ordnung hielten, sonst keine Besucher. Das Blatt mit 7 Blättern ist mir unbekannt, sowie ein Friedhof mit Christen u. Juden begraben ist mir unvorstellbar – aber alles ist möglich. „Auf der Judenwiese“ sagt mir auch nichts. Rosina Österreich kann nur eine Namensgleichheit sein, die Familie meines Vater stammen meistens aus dem Umkreis Bratislava.
    Mit lieben Grüßen deine
    Karmella Zucker



    3 Jahre später:


    [April 1995]

    Liebe sooo berühmte Lena!

    Besten Dank für Deine l. Zeilen, bin tatsächlich außer mir u. ungemein stolz auf Dich. Wer hätte sich vorgestellt, dass unsere ehemalige jüd. Laaer Gemeinde in einer amerikanischen „
    Bethesda Gazette“ als Titel quasi Auferstehung feierte. Deine vieljährigen Bemühungen wurden gepreist mit einfachen Worten wie Susanne Jokel sagte „We very much appreciate what she did!“ Das ist schwer zu schätzen, die Nächte, die Du durchschreibst – der Anfang mit den so unfreundlichen Leuten, die sich nicht interviewen ließen – es ging alles im langsamen Tempo, wie hattest Du trotzdem die Ausdauer alle Schwierigkeiten zu überwinden? Es ist Dein Werk, das man nur loben kann – darum ein Buch musst Du noch schreiben u. damit berühmt werden! Ein Bestseller der überall erscheinen wird wo noch ehemalige Laaer wohnen in allen Sprachen. Du hast das Talent dazu! Die langen Sommerferien sind dazu gut geeignet. Hilde [Drill] hatte vor laut unseren Lebenslauf von uns ein Buch zu schreiben, weiß nicht ob sie es noch will – der „faule“ Herr Neeman hat bis heute seinen Lebenslauf nicht fertig geschrieben, kein Anfang, kein Ende, obwohl ich ihn immer daran erinnere. Diese Woche zeige ihm den Zeitungsausschnitt von Bethesda.
    Mit
    meiner Mamas Violinkonzert war meine erste Reaktion loszuheulen. Plötzlich habe mich an die Namen erinnert von denen meine Mama so viel geschwärmt hat, wie Musikdirektor Knoll (Er war eine Persönlichkeit.) – man hat für die Volksschule Höflein gespielt heute C.S.R., es war noch dazu ein edles Werk für Wohltätigkeits Zwecke u. heute brauche ich ein Visum um hinzukommen. 1906 ist nicht 1995, die paar Jährchen, fast 90 Jahre, haben viel verändert. Um in die Gegenwart zurück zu kommen Dein Kleid [wahrscheinlich das auf dem Bild der Zeitung] ist schon schön, die Fason ist so modern, die hellen Farben sind besser wie die dunklen zum Gesicht. Bin ja auch auf Lisas Kleid neugierig.
    Nächsten Samstag 29. fahren wir zum Flugplatz um zu sehen ob u. wie Hilde ankommt, werde es Dir dann telefonisch mitteilen. Sie wird sein vom
    30 April – 4 Mai in Jerusalem,
    5 Mai – 8 Mai Tiberias,
    9 Mai – 18 Mai Tel Aviv.
    Abfahrt von Tel Aviv 19 Mai nach Wien, bleibt bis 5 Juni in Wien. Änderungen vorenthalten!
    Sollte Lisa im Studentenheim wohnen, wäre es da nicht möglich, dass Du im Notfall bei ihr übernachten könntest? Sind mehrere Mädchen in einem Zimmer etwa 2-3 oder gibt es auch Zimmer allein? Kommt Zeit, kommt Rat.
    Erhielt einen Brief von Poldi Slipek, sie ist eine sehr intelligente Frau u. sehr einfühlsam. [...]
    Der Strom der Besucher geht weiter. Ende Juni kommen die Töchter meiner verstorbenen Cousine aus der C.S.R. Bratislava u. Galanta. Sie waren noch nie in Israel, die eine ist Lehrerin, die andere Journalistin (meistens auch Sportreportage). Dauer des Besuches 2 Wochen. Muss meine Zunge mit Ungarisch zerbrechen was auch die beiden Cousinen tun müssen, sie haben nur Konversation in Tschechisch zu Hause. Mein Mann wird stiller Zuhörer sein ob er will oder nicht. Diese Abwechslungen tragen dazu bei, dass mein Mann seine Weh-Wehchen vergisst, was ja sehr wichtig ist.
    Will noch etwas an Deine Eltern, sowie Lisa hinzufügen. Darum schließe für heute mit herzlichen Grüßen Deine
    Karola

    Liebe Familie!
    Der große Erfolg Lenas in Amerika muss noch gefeiert werden u. hoffe wir werden das zusammen nachholen. Will mich bestens bedanken für die Kassetten, die uns sehr überraschten, die Filme sind wunderbar u. mein Mann
    musste halbe Nächte sich damit amüsieren. Mir gefiel am Besten Kaisermanöver, die Greta Garbo Filme kommen wieder in Erinnerung von anno dazumal. Seitdem wir auch Kabelfernsehen haben sehen wir 3 Deutsche Sender, 2 Russische, Spanien, Frankreich. Italien, England, Türkei aber leider kein Österreich, 1 x wöchentlich wird von Sat 3 Deutschland etwas vom O.R.F. übertragen. 1 Stunde über schöne Plätze in Österreich, 1 x sah ich Burgenland, 1 x Oberösterreich mit Volksmusik, auf diese Weise sehen wir auch die Schweiz nicht direkt.
    Hoffe es geht Ihnen gut u. Sie haben sich Ostern etwas ausgeruht.
    Die letzten Ereignisse in Oklahoma City, Amerika u. giftige Gase in Japan durch brutale Menschenmörder ausgeführt schreien zum Himmel. Wird der Mensch eine Bestie, der vor nichts mehr zurückschreckt? Der morgige Trauertag in Amerika wegen der vielen Todesopfer ist ein Trauertag der ganzen freien Welt, die bedroht ist.
    Hoffe sehr, dass wir Mitte August von Ihrer Einladung Gebrauch machen werden. Möchte Sie alle so gern wiedersehen! Außerdem hat Lena in ihrer Rede gesagt, ich komme jedes Jahr nach Laa, gesagt – getan.
    Meine letzten Gäste fahren Mitte Juli ab aus der C.S.R. Das sind 2 Töchter meiner Cousine.
    Es ist nun 1 Uhr nachts u. denke ans Schlafen gehen.
    Mit herzlichen Grüßen Ihre
    Karola Zucker

    Liebe Lisa!
    Wünschen einen guten Start zur bevorstehenden Matura. Hoffen, Du wirst sie gut bestehen. Bei uns wurde die Mathematik gestrichen, nur 4 Gegenstände. Englisch, Hebräisch, Geschichte entweder Geografie oder Biologie. Auf jeden Fall leichter kann es nicht sein. Wie es ausschaut wird man langsam die Matura abschaffen. In diesem Sinne verbleibe mit herzlichen Grüßen Deine Karola Zucker


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