In Memoriam Alice Grünwald



Alice Grünwald, geb. und verh. Grünwald, wurde am 14. Dezember 1915 in Wien als Enkelin der Mistelbacher Familie Münz geboren. Verstorben ist sie am 28. Februar 2014 im 99. Lebensjahr in Lima – Peru.

Seit den 90er Jahren war ich mit ihr in Kontakt. Wenige Jahre zuvor war sie schon mit Dr. Albert Lichtblau von der Universität Salzburg (zitiert als: Alice Grünwald, Archiv des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich, St. Pölten) in Briefwechsel und so bat sie ihn, mir die Briefe zu kopieren, in denen sie so viel über ihr Leben und das Schicksal ihrer Familie, sowie die Lebensumstände zur Zeit ihrer Jugend in Österreich, sowie im englischen und peruanischen Exil berichtete. Unglaublich ist die Ausdauer, mit der sie Briefe beantwortete. In einem Brief an Dr. Lichtblau spiegelt sich wider, mit welch wunderbarem Stil sie schrieb. Aber auch, dass sie verstanden hatte, dass sie durchaus so einiges zur historischen Aufarbeitung und dem Verständnis der österreichischen Geschichte beizutragen hatte:

„Es scheint mir, dass das menschliche Gehirn so ähnlich wie eine Spule eines Tonbandgeräts arbeitet und nun will ich sie von hinten nach vorn abspielen lassen. Ich habe dies bei sehr alten Menschen erlebt, die nur mehr in der Vergangenheit leben und von der Gegenwart wenig Notiz nehmen. Noch bin ich nicht soweit, nehme noch sehr von den Ereignissen unserer bewegten Zeit Anteil, aber weiß, dass irgendwo in meinem Kopf meine Kindheit und Jugend registriert sind und finde es begrüßenswert, dass Sie mich mit Ihren Fragen dazu veranlassen, in meinem alten Kopf zu kramen und auf diese Weise über mein Leben nachzudenken. [....] Ich glaube, ein absoluter Durchschnittsmensch zu sein und gebe Ihnen dadurch das Bild meines Zeitalters.“ (Alice Grünwald, Archiv des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich, St. Pölten)

Die Familie von Alice Grünwald war in verschieden Kronländern der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie verwurzelt, bis sich die Großeltern in der Bezirksstadt Mistelbach, 25 km von Laa/Th., niederließen. Ihre Eltern gingen nach Wien. Es zog sie, wie so viele zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in die Donaumetropole und Kaiserstadt. Über ihre Vorfahren schreibt sie:

Vorfahren: Mütterlicherseits [...] Großmutter wurde in Nikolsburg geboren. Sie war sehr religiös und hielt koscheren Haushalt, aber Großvater [geboren in Wadowice, Polen] war liberaler eingestellt, obwohl außer weltlicher Bildung auch jüd. sehr gebildet und sehr gütig. Als einmal ein polnischer Jude im Kaftan erschien, erkannte er im ersten Moment seinen eigenen Bruder nicht. Damals reiste man kaum u. so sah er seine Geschwister jahrzehntelang nicht. Als er in der Emigration in England mit 89 Jahren starb, da sprach er sie alle mit Namen an, als ob er sie vor sich hätte.
Väterlicherseits: meine Großeltern hatten 12 Kinder in Holicz. 2 starben als Kinder. Die Großeltern waren schon tot, als mein Vater heiratete, ein Bruder starb jung. Die übrigen 9 Geschwister hielten sehr zusammen, kamen jung in die Lehre nach Wien. Sie waren arm, hatten eine harte Zeit, aber setzten sich durch und wurden alle anständige, tüchtige Menschen. Die 4 Brüder heirateten nicht früher, bevor sie nicht ihre 5 Schwestern verheiraten konnten. Alle waren musikalisch, sagen im Synagogen Chor. [...] Alle meine Onkel u. Tanten, die wir mit großem Respekt schätzten und liebten, sind teilweise in div. KZ umgekommen oder vor Aufregung in der Hitlerzeit gestorben. Von meinen vielen Cousins und Cousinen leben nur mehr 4 alte Herren u. ich bin die einzige weibliche Grünwald Cousine übrig geblieben.“ (Alice Grünwald, Archiv des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich, St. Pölten)

Wenn Frau Grünwald über ihre Kindheit in Wien und den Ferien und Feiertagen in Mistelbach schrieb, so war das immer im Lichte der Nestwärme einer liebevollen, fürsorglichen Familie. Ich denke, das hat ihr das Erinnern leicht gemacht („Schon lange habe ich nicht so viel an alle Mistelbacher gedacht u. es tut mir richtig gut, in meinem alten Kopf herumzukramen.“ (Alice Grünwald, Archiv des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich, St. Pölten), auch wenn sie durch die Vertreibung sicherlich unendlich viel verloren hat und das Leben nicht immer gut zu ihr war. Trotzdem fühlte sie sich den Orten der Kindheit immer verbunden, was sich vielleicht darin ausdrückte, dass sie lebenslang österreichische Staatsbürgerin blieb. Eine Rückkehr kam für sie aber nicht in Frage, Peru war ihr zur neuen Heimat geworden: „Nachdem ich jetzt schon 46 Jahre hier bin, glaube ich nicht mehr wo anders leben zu können.“ (Alice Grünwald, Archiv des Instituts für Geschichte der Juden in Österreich, St. Pölten)

Obwohl ich Alice Grünwald aufgrund der großen Distanz nicht persönlich kennenlernen konnte, so waren wir so viele Jahre im regem Briefwechsel, dass es mir so scheint, als hätten wir uns doch wirklich gekannt. Sie war ein sehr einfühlsamer Mensch, mit einer gestochen schönen Schrift. Eine sehr gebildete Dame, die sich auch in zunehmend hohem Alter sehr für die Welt, die aus- und inländische Politik, sowie Literatur und Kultur interessierte. Vielleicht ist es gerade dieses rege und weite Interesse, das sie jung hielt.

Möge sie in Frieden ruhen und ihr und der Welt ihrer Kindheit hier ein Denkmal gesetzt sein.