In Memoriam Joseph Kolb



Im Gegensatz zu den meisten Überlebenden, die ich kennenlernen durfte, war Joseph bereits erwachsen, als er vor den Nazis fliehen musste. Er hatte ein eigenes Geschäft, Frau und Kind. Heute ist selbst sein Sohn, Fred, nicht mehr unter uns. Joseph konnte sich zuerst nur alleine in die USA retten und seine Frau Ida und seinen Sohn Freddy erst später nachkommen lassen. Er war immer stolz darauf, nur mit 7 Dollar in der Tasche in die USA gekommen zu sein, und dann als Selfmade-Man seinen amerikanischen Traum zu leben. In gewisser Weise füllte er eine Marktlücke mit günstigen Möbeln - lange bevor Riesen wie IKEA dieses Wohnbedürfnis im weltweiten Stil bedienen konnten.

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Er war stolz auf seinen Sohn, der im San Fernando Valley lebte und eine Firma für Autofenster-Beschichtungen betrieb, und auf seine Enkel - Ken und Andrea. Nach dem Tod seiner ersten Frau, Ida, hatte er eine gute Ergänzung in seiner zweiten Frau, Lilly. Sie hatte in Australien einen erfolgreichen Modesalon betrieben und war trotzdem bereit, diese neue Heimat für die Ehe mit Joseph aufzugeben. Ich denke, indem sie die gemeinsame Weinviertler Heimat teilten und in Kindheit und Jugend die gleichen Bekannten hatten, konnten sie einander der perfekte Partner sein - sozusagen ein Stück Heimat für den anderen.


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Joseph mit seiner 2. Frau Lilly, geborene Eisinger - einer Mistelbacherin

Jahre bevor ich Joseph kennenlernte, ist er in die alte Heimat zurückgekehrt. Er hat dabei nicht nur Spuren in der Form von Zeitungsartikeln hinterlassen, sondern auch im Mistelbacher jüdischen Friedhof. Oft hat Joseph betont, wie gut er mit vielen der jüdischen Familien aus der Gegend befreundet war. Diese Verbundenheit drückt sich in den Nachrichten aus, die er mit Hilfe eines Etikettiergerätes ausgedruckt und an den Gräbern angebracht hat. Das war Josephs ganz eigene Art zu zeigen, dass er die Gräber der befreundeten Familien besucht hatte, dass er noch an sie dachte, sie in seinen Erinnerungen weiterlebten.

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Eine Beilage bei einem Brief von Josef

Genauso wie Joseph seine Identität aus dem Judentum schöpfte, so war er auch vom ganzen Herzen Weinviertler und durch die nichtjüdischen Traditionen der Gegend geprägt. So feierte er sein Leben lang seinen Namenstag und war verwundert, wenn man ihm nicht dazu gratulierte. Er meinte, der heilige Joseph sei doch ein guter Mann gewesen, und das sei ein Grund zu feiern.

Joseph war es vergönnt, bis ins hohe Alter ein völlig selbstbestimmtes und selbständiges Leben führen zu können. Culver City ist ein Ort, der direkt an Los Angeles anschließt. Ein Auto fahren zu können ist dort beinahe unumgänglich, um alltägliche Besorgungen zu machen. Joseph war aber ein passionierter Autofahrer und so war es für ihn selbstverständlich, mit 93 noch einmal eine Führerscheinprüfung zu machen, um weiterhin selbst lenken zu dürfen. Er bestand diese und war sehr froh darüber, denn natürlich hatte er dem Termin entgegengefiebert - wie oft wird man mit 93 noch getestet.

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Joseph vor seinem Auto (aufgenommen zwischen dem 9. und 24. 7. 1994)

Josephs Freundschaft hat mir sehr viel bedeutet, und ich bin stolz, sagen zu können, dass es umgekehrt wohl auch so gewesen sein muss. Davon zeugen seine Briefe aber auch ein ganz besonderes Geschenk. Das Buch hatte Irma Goldreich gehört - der Frau, der er seinen Sohn überließ, als er in die USA flüchtete:

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